Die historische Gegebenheit hinter dem 1. Strategem:

Die chinesische Geschichte, die als Vorlage dieses „1. Strategems“ gedient haben soll, spielte sich im siebten Jahrhundert unserer Zeitrechnung in China ab. Sie bezieht sich auf einen Kriegszug des Tang-Kaisers Tai Zong (626 – 649), der gegen seinen Willen dazu gebracht wurde, von Osten kommend das Gelbe Meer zu überqueren, ohne es zu bemerken.

 

Während des Feldzugs erreichte die Armee einer Stärke von 300.000 Soldaten das Meer. Dem Kaiser wurde es mulmig vor den Gefahren des Meeres und er fragte seine Generäle, was sie zu tun gedenken, um das Meer gefahrlos zu überqueren. Diese sahen sich an und hatten keine brauchbare Lösung bereit. Der Feldzug drohte stecken zu bleiben und der Kaiser sprach schon von Rückzug in die Kaiserstadt, als ein Händler, der nahe dem Hafen wohnte, eine Idee präsentierte, wie man den Kaiser über das Meer bringen könne, ohne dass er es bemerken würde.  Sein Plan sah vor, dass er dem Kaiser die Versorgung seiner Truppen mit Nahrungsmitteln, Ausrüstung und Waffen für 300.000 Mann gewährleistet und den Kaiser für die Modalitäten sprechen und ihm seinen Plan zeigen wollte.

 

 

 

Als der Kaiser mit seinem Hofstaat eintrat, glaubte er sich noch weit vom Wasser entfernt, denn nichts deutete darauf hin, dass der Treffpunkt in der Nähe des Meeres lag. Tatsächlich aber hatten die Truppen die vermeintlichen Häuser auf Holzboote gebaut, die sehr stabil waren und sich kaum bewegten. Der Horizont war geschickt mit Planen und Zelten verdeckt, so dass alles den Anschein hatte, der Händler würde irgendwo Mitten in der Stadt leben. Das Haus, in das der Kaiser eingeladen wurde, war sehr luxuriös. An den Wänden hingen teure Teppiche und bunte Seidenbilder. Es roch nach schönen Düften und der Kaiser Tai Zong und sein Hofstaat fühlten sich in diesem Haus sehr wohl. Man trank, entspannte sich und hatte allerlei Zerstreuungen, die dergestalt waren, dass man Zeit und Raum vergaß.

 

Doch plötzlich fing es an zu stürmen und der Wind heulte Ohren betäubend. Das Wasser bäumte sich auf und die Wellen knallten wie Donnerhall gegen das vermeintliche Haus. Gläser fielen um, die Teller zerschellten auf dem Boden und niemand konnte mehr stehen. Der Kaiser war natürlich sehr erschrocken und wies seinen Kämmerer an, die Vorhänge vor den Fenstern zurück zu ziehen und war entsetzt, dass er sich mit seinen 300.000 Mannmitten auf dem Meer befand. Er ließ sofort den listigen General Xue Rengui zu sich rufen, um dem Kaiser zu erklären, was hier vor sich gehe. Der General hatte den Fall eingeplant, dass ein starker Wind blasen würde und hatte zusätzlich zur Errichtung der „Stadt“ auf dem Meer ein weiteres Schiff bauen lassen, das ebenfalls wie eine Stadt erschien und es bereits einige Tage vorher auf das Meer geschickt. Die dort anwesenden Soldaten hatten den Befehl, sich so zu geben, als gingen Sie einem Tagwerk nach, sollten Emsigkeit am „Ufer“ zeigen und jedem, der von Weitem zusah das Gefühl geben, dass es sich um eine Stadt handeln würde.

 

So geschah es dann auch. Der General Xue Rengui bat den Kaiser auf das Dach des Hauses, zeigte ihm in der Ferne das bereits vorher ausgelaufene Schiff, das wie ein sicherer Hafen aussah und erklärte ihm, dass man sich bereits in sicherer Nähe eines Hafens befand, der zu des Kaisers Staatsgebiet zählte. Dieser war sichtlich erleichtert und froh, das Meer endlich überquert zu haben. Der Kaiser ging wieder in das „Haus“ und ließ es sich weiterhin gut gehen in der Gewissheit, dass er bald wieder festen Boden unter den Füßen haben werde. Nachdem sich der Sturm gelegt und das Wasser wieder beruhigt hatte, wunderte sich der Kaiser, dass man immer noch auf See sei, obwohl der Hafen doch so greifbar nahe war. Jetzt erklärte ihm der General seine List und dass es jetzt egal sei, ob man weiter ans andere Ufer oder zurück segeln würde. Der Kaiser lenkte ein, weil er jetzt den Mut hatte, seinen Feldzug erfolgreich zu Ende zu führen.

 

 

 

Den Kaiser/ Himmel täuschen und das Meer überqueren

 

 

 

Im alten China wurde der Kaiser als „Der Sohn des Himmels“ genannt. In der Literatur wurden demnach „Kaiser“ mit „Himmel“ gleichgesetzt. Damit erklärt sich auch, warum dieses Strategem auch heißt, „Den Himmel (Kaiser) täuschen, um das Meer zu überqueren“ oder im militärischen Sprachgebrauch „Den Himmel (Kaiser) narren, um das Meer zu überqueren“.  Es bezeichnet eine List, die tatsächliche Absicht zu verschleiern und den Gegner in Sicherheit zu wiegen, bis die Zeit für den  wirklichen Angriff reif ist. In Europa würde man jetzt erwarten, dass der General für seine List, die ja tatsächlich auf die Vortäuschung falscher Tatsachen entsprang, bestraft würde.

 

Doch anders als in unserer Hemisphäre wurde und wird die List in China hoch angesehen und der Kaiser dürfte sich über so einen listigen General gefreut und ihn noch belohnt haben. Sein „Kollege“ in Europa dagegen dürfte in gleicher Situation, also des Kaisers Befehle missachten, eher karge Gefängniswände zu sehen bekommen haben als eine Belohnung.  Daher ist es in der heutigen Zeit besonders wichtig, die Gepflogenheiten der Chinesen zu studieren, weil die Globalität nicht nur Waren, Dienstleistungen und Währungen austauscht, sondern auch Handlungsweisen, die insbesondere für uns Europäer von besonders starkem Nachteil sein dürften, wenn wir sie nicht erlernen.