Beispiel 1. Strategem

Felix Graf Luckner und der Hilfskreuzer Seeadler

Wer Freude an alten Piratenfilmen hat,  kennt die Situation: Der Freibeuter erspäht am Horizont das Handelsschiff einer fremden Nation und gedenkt, es zu kapern. Allein der Abstand zum Objekt der Begierde ist so groß, dass dessen Kapitän das Weite suchen könnte, wenn er argwöhnisch wäre. Durch das Fernglas beobachtet er das heran-nahende Schiff, um Verdächtiges feststellen zu können. Er selbst möchte ungern von seiner eingeschlagenen Route abweichen, denn das kostet Zeit und Geld. Was er zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht weiß ist, dass ihm diese Fehleinschätzung in Kürze auch das Schiff kosten wird.

Langsam nähert sich also das Piratenschiff dem ahnungslosen Opfer. Der Rudergänger hängt gelangweilt am Steuerrad und nur ein paar in die Ferne blickende Matrosen bevölkern das Deck. Eine ganz normale Situation, wie sie der Kapitän des Handelsschiffs auf allen Weltmeeren viele Jahre kennt. Dann gibt er den Befehl, den Flaggengruß vorzubereiten. Durch Dippen der Landes-flagge grüßt man die Besatzung des vorbeifahrenden Schiffs. Dazu wird die Flagge kurz auf Halbmast gesetzt und wieder in den Top, also nach oben gezogen. Selbstverständlich hat der Freibeuter keine Totenkopfflagge gehisst, sondern eine unauffällige Flagge eines dem Frieden verbundenen Landes.

Das Meer ist ruhig und es scheint ein schöner Tag zu werden. Doch die Stille trügt, denn beim Angreifer ist alles andere als „Fofftein“ angesagt, dem Seemannswort für „Pause“: Vor den Blicken des vorbeifahrenden Schiffes verborgen, tut sich was auf dem Oberdeck des nahenden Schiffes, denn man hält Enterhaken, Pistolen und Messer bereit. Im Unterdeck ist man bei den Kanonen, die geladen und mit bereiter Lunte hinter den Luken nur noch auf den Befehl des Käpt’n warten. Plötzlich ist der Frieden vorbei und die Besatzung des Handelsseglers ist schneller Fischfutter als der Tee trinkfertig.

 

Die tatsächliche Stimmung hat getrogen und das Offensichtliche blieb hinter einer Fassade vermeintlich gelangweilter Matrosen verborgen.

 

Ähnlich erging es wohl auch den Offizieren der englischen Seeblockade sowie Kapitänen von rund 16 feindlichen Schiffen während des 1. Weltkriegs. Der deutsche Kapitänleutnant Felix Graf von Luckner (1881 – 1966) war Kommandant der Seeadler, einem motorisierten und bewaffneten Rahseglers. Kein Mensch vermutete hinter dieser unscheinbaren und friedlichen Fassade eines großen Segelschiffs, das als norwegischer Frachter getarnt war, einen deutsches Hilfskreuzer, also ein Kriegsschiff. Damit durchbrach Graf Luckner jedoch die englische Blockade und brachte 16 Prisen auf. Dabei starb nur ein einziger Mann, der nach einem Granateneinschlag durch das einzige Geschütz der Seeadler infolge Wasserdampfs einer zerborstenen Dampfleitung verstarb. Allen aufgebrachten feindlichen Schiffen („Prisen“) näherte er sich als harmlos erscheinendes Segelschiff und zeigte erst im letzten Moment seine Kanone, als bereits alles zu spät war. Keiner der Kapitäne hatte auch nur ansatzweise Argwohn, dass er sein Schiff durch ein herannahendes Segelschiff verlieren könnte. Diese Tollkühnheit brachte Graf Luckner den Beinahmen „Seeteufel“ ein.