4. Strategem

Ausgeruht den ermüdeten/erschöpften
Gegner/Feind erwarten


 

 

Kategorie:

Überlegenheitsstrategie

 

Sinnhaftigkeit: 

Schwäche oder vernichte den Gegner/Feind, indem Du ihn in aufwändige Manöver treibst und dem Treiben aus der Ferne selbst entspannt zusiehst. Je mehr sich Dein Gegner erschöpft, um so größer wird im Verhältnis zu ihm Deine eigene Kraft.

 

Strategemziel:

Den Gegner erschöpfen / auszehren („Erschöpfungs-Strategem“)
Die Angelegenheit aussitzen und die Zeit für Dich arbeiten lassen („Aussitzungs-Strategem“)

 

Taktik: Sei zuerst am Ort des Geschehens und erwarte ausgeruht den Gegner, der sich erst Kräfte zehrend dem Geschehen nähern muss. Nutze den Orts- und Zeitvorteil und beherrsche die Handlung und den Gegner, statt selbst beherrscht zu werden.

 



Sunzi, auch „Meister Sun“ genannt, war ein chinesischer General, Militärstratege und Philosoph, der um 500 v. Chr. lebte. Das von Sunzi verfasste Werk „Über die Kriegskunst“, gilt als frühestes Buch über Strategie und ist bis zum heutigen Tage eines der bedeutendsten Werke zu diesem Thema. In einem seiner 13 Kapitel erwähnt Sunzi das 4. Strategem unter der Rubrik „Leere und „Fülle“, gleichbedeutend mit „schwache“ und „starke“ Punkte. Hier wird bereits der Ratschlag erteilt, sich in der Nähe des Schlachtfelds aufzuhalten, um (ausgeruht) auf die herannahenden (erschöpften und noch orientierungslosen) feindlichen Truppen zu warten. Wer zu diesem taktisch und strategisch günstigen Zeitpunkt mutig und entschlossen angreift, hat einen erheblichen Vorteil. Daraus folgt, dass die eigene Festlegung von Ort und Zeitpunkt der „Schlacht“ ein wichtiger Aspekt dieses Strategems ist, man selbst das Geschehen und die Bedingungen diktiert und sich der Gegner dabei zunächst in der Defensive befindet.

 

Wer seinen Gegner „ausgeruht erwartet“, wird ihn mit List und Tücke dazu bringen, sich durch eigene Aktivitäten zu verschleißen oder zu zermürben, während wir unsere Position behalten und das Geschehen steuern. Ziel dieser psychologischen Strategie ist die Zermürbung des Gegners.

 

Mao Zedong wusste dieses vierte Strategem häufig einzusetzen. Als Kenner des Werks von Sunzi war er meisterlich in der Kunst, den Gegner zu ermatten. Daraus formulierte er einen Lehrsatz, der einzig aus sechzehn Schriftzeichen besteht :*

 

„Der Gegner greift an, wir ziehen uns zurück. Der Gegner sucht Ruhe, wir sticheln ihn an. Der Gegner ist erschöpft, wir greifen an. Er zieht sich zurück, wir setzen nach.“

 

Also: Was an Truppenstärke und Waffentechnik nicht aufgebracht werden kann, muss man durch Flexibilität und Schläue wettmachen.

 

Die historische Gegebenheit hinter dem 4. Strategem:

 

In der Frühlings- und Herbst-Periode Chinas ernannte der König von Ci den Beamten Bao Shu Ya zum General seiner Armee und befahl ihm, in das Land Lu einzumarschieren. Der König von Lu indes hörte davon und war von diesem Plan nachvollziehbar wenig begeistert. Dessen Minister Bo Shih empfahl dem König, einen Eremiten namens Cao Suei zu überzeugen, die Verteidigung des Landes zu übernehmen. Nun war dieser Eremit wenig von diesem Plan begeistert, willigte nach einiger Überredungskunst dann unter der Maßgabe ein, nur militärischer Berater zu sein und nicht für die allgemeine Arbeit herangezogen zu werden.

 

Bao Shu Ya, General der feindlichen Armee des Königs von Ci, nahm seinen Gegner nicht ernst, weil er die Armee des Königs von Lu bereits einmal besiegt hatte. Dieses mal wollte Bao Shu Ya den König von Lu direkt angreifen und ihn und sein Land besiegen.

 

 

 

Am Tag der Schlacht riefen Ohren betäubende Klänge der Trommeln und die Schlachtrufe der Soldaten des Generals Bao Shu Ya zum Kampf auf, bereit, die Armee des Königs von Lu vernichtend zu schlagen. Cao Suei, der Eremit beeindruckte dieses Geschehen nicht sonderlich und er befahl, noch abzuwarten. „Warten wir eine Weile. Gerade jetzt ist die Moral und der Kampfeswille des Feindes besonders hoch und wir sind dieser Armee hoffnungslos unterlegen. Doch momentan befinden wir uns in einer strategisch günstigen Position und müssen uns nur verteidigen, was weniger Kräfte zehrt, als der Angriff. Wir sollten momentan lieber auf das Geschehen achten und nicht nachlässig werden.“

 

Die angreifende Armee des Königs von Ci unter ihrem General Bao Shu Ya rannte gegen die Verteidigungslinien des Staates Ci an, ohne sichtlichen Erfolg. Die angreifenden Soldaten wurden dadurch zunehmend frustriert, so dass sie Bao Shu Ya entschloss, seine Truppen zu einer anderen Stelle zu führen und von dort anzugreifen. Auch hier war kein Durchkommen, was weitere Kräfte verzehrte und die Moral der Truppe noch weiter senkte. Der feindliche General war der Auffassung, dass er den Gegner jetzt empfindlich geschwächt hätte und er ihn mit einer dritten Attacke endgültig besiegen würde. Da war für den verteidigenden Cao Cuei der Zeitpunkt gekommen, seine eigenen Trommeln schlagen zu lassen und sich durch einen Gegenangriff zu wehren. Schon bald brachen die Linien der feindlichen Armee von Ci ein und sie traten den Rückzug an. Der König von Lu befahl, die fliehenden Armeen des Feindes zu verfolgen, doch Cao Cuei empfahl auch hier, lieber abzuwarten, bis sich der Feind etwas entfernt habe. Man müsse nur den Wagen- und Pferdespuren beobachten, ob der Feind wirklich geflohen ist, diesen folgen, ihn einholen und vernichtend schlagen. „Warum verfolgen wir die fliehenden Armeen nicht sofort, statt auf einen möglichen dritten Angriff zu warten?“ Cao Cuei antwortete: „Beim Versuch des dritten Angriffs war die Moral des Feindes lange nicht mehr so groß wie beim ersten Mal. Als beim dritten Angriff unsere Trommeln das erste Mal zum Kampf aufriefen, war die Moral unserer Truppen auf dem Höhepunkt und wir konnten zurück schlagen. Doch das überraschte den Feind noch mehr, weil er sich in der Stärke und uns in der Schwäche sah. Er glaubte, dass wir jetzt endgültig besiegt werden könnten, weil wir bis dahin keine Anstalten gemacht haben, die Kampfeshandlungen aktiv zu erwidern. Dieser Überraschungsmoment war unser Vorteil. Doch die Flucht des Feindes könnte ebenfalls eine Taktik sein, uns aus den Stellungen zu locken. So sollten wir die Wege auf ihren Zustand überprüfen und ob sie das Gewicht von Reiter und Wagen aushalten können. Der Gegner ist in wilder Panik geflohen, doch wir sehen ruhig zu, ob die Situation für eine Verfolgung günstig ist!“

 

 

Fazit des 4. Strategems: Warte ruhig und gelassen auf den erschöpften Feind

 

Wenn die Schlacht ihren Beginn nimmt, ist es nicht erforderlich, den mächtigen Gegner sofort zu bekämpfen. Manchmal kann man ihn einfach durch eigene Untätigkeit und Vermeidung eines direkten Kampfes schwächen. Warten Sie ab und schonen Sie Ihre eigenen Kräfte, während sich Ihr Gegner aufreibt und erschöpft. Dies ermöglicht Ihnen, die Kräfteverhältnisse zu relativieren und im folgenden Kampf auszugleichen.

 

 

 

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