16. Strategem

Fange den Fisch, indem Du ihn vom Haken lässt

 

 

Kategorie:

Angriffslist

 

Sinnhaftigkeit: 

Um Blutvergießen zu vermeiden muss man den Gegner gewähren lassen, um seine Kraft zu schmälern. Wütende oder in die Ecke gedrängte Gegner mobilisieren alle Kräfte um zu flüchten oder zu kämpfen.

 

Strategemziel:

Den Gegner so oft entkommen lassen, bis er so schwach geworden ist, um ihn ohne Blutvergießen schlagen zu können.
Deeskalations-Strategem: Den Gegner in gegebenen Grenzen „austoben“ lassen, bis seine Kraft erschöpft und sein Widerstand gebrochen ist und ihn erst dann angreifen.

 

Taktik: Abwarten. Dann abwarten. Und am Ende nochmals abwarten, bis der Gegner mit keinem Angriff mehr rechnet und dann mit geringen Mitteln geschlagen werden kann.  Spürt ein Gegner einengende Gegenwehr und hat keine Chance zur Flucht, wird er instinktiv den Kampf aufnehmen und seine gesamten Kräfte mobilisieren, um der drohenden Niederlage zu entrinnen.  Läßt man ihn in Maßen gewähren, wird er seine Kraft zur Konfliktlösung einsetzen und somit geringere Mittel der Gegenwehr einsetzen. Somit ist er leichter zu schlagen.


Bei diesem Beispiel für das 16. Strategem überlässt der liebende Cyrano de Bergerac seine Angebetete einem Kontrahenten, um sich über poetische Liebesbriefe in ihr Herz zu schreiben und am Ende doch ihr Herz zu erobern. Diese ahnt nichts davon und heiratet und verliebt sich in den vermeintlichen Briefeschreiber wegen der "Schönheit seiner Seele". Als der Kontrahent stirbt, ist der Weg frei für die Liebenden, was aber erst 14 Jahre nach dem Tod des Ehemannes möglich ist. Doch auch jetzt ist das Schicksal unerbittlich.... Lesen Sie selbst:

 

 

Cyrano de Bergerac ist der Titelheld eines romantisch-komödiantischen Versdramas von Edmond Rostand, das er 1897 schrieb und dessen Uraufführung am 28. Dezember 1897 am Pariser Théâtre de la Porte Saint-Marin stattfand.

 

 

In dieser Geschichte gibt es einen Helden mit einer riesig langen Nase, die ihn entstellt und unter der er sehr leidet: Cyrano de Bergerac. Er spielt einen französischen Dichter des 17. Jahrhunderts, der sich in seine Cousine Roxane verliebt hat und fürchtet, einen Korb zu bekommen, würde er ihr seine Liebe gestehen. Diese wiederum ist in den gut aussehenden, aber geistig minderbemittelten Christian von Neuvillette verliebt und beide, er und Cyrano de Bergerac dienen im gleichen Regiment bei den Gascogner Kadetten. Um die Gunst seiner Angebeteten zu erlangen, "leiht" er dem Kontrahenten Christian von Neuvillette sein poetisches Talent und schreibt in dessen Namen Liebesbriefe an Roxane. Diese wird vom Grafen Guiche begehrt, der sie zu seiner Maitresse machen will. Um das zu vermeiden, seine geliebte Roxane wäre dann für ihn unerreichbar, stiftet er die Ehe mit Christian von Neuvillette, in dessen Namen er weiterhin schmachtende Liebesbriefe verfasst, die stets Ausdruck seiner eigenen Liebe zu Roxane sind. Der Graf ist über die Hochzeit erbost und sendet die Gasconer Kadetten samt den beiden Protagonisten in den Krieg an die vorderste Front. Auch von dort erreichen Roxane täglich zwei Briefe im Namen von Neuvillette durch die feindlichen Linien, obwohl die Gasconer Kadetten durch die spanischen Belagerer eingekesselt und ausgehungert werden.

 

 

Überwältigt von so viel Ehrenhaftigkeit und Liebe eilt Roxane vorbei an den feindlichen Linien direkt ins Heereslager zu ihrem Mann, dem sie nun mitteilt, dass sie ihn nicht mehr nur wegen seines schönen Äußeren liebt, sondern ganz besonders wegen der "Schönheit seiner Seele". Das schockiert Christian von Neuvillette, denn er weiß ja um die Unehrlichkeit Roxanes gegenüber. Bevor er sich jedoch offenbaren konnte, trifft die Todesnachricht ein: Christian von Neuvillette ist gefallen und nimmt das Geheimnis mit ins Grab, denn auch jetzt offenbart sich Cyrano de Bergerac nicht. Roxane geht daraufhin ins Kloster und erst 14 Jahre später entdeckt sie die Wahrheit. Doch es ist zu spät: durch einen Anschlag wird Cyrano de Bergerac so schwer verwundet, dass er durch Blutverlust und Wahnvorstellungen nicht mehr erfährt, dass ihm seine Cousine ihre Liebe zu ihm gesteht. Er stirbt in ihren Armen.

 

 

Cyrano de Bergerac wird oft exemplarisch für die Motive des Ghostwriters und des „guten Kerns hinter weniger ansehnlicher Fassade“ herangezogen. Aus dieser Position heraus lassen sich eigene Gedanken formulieren, die einer anderen Person in den Mund gelegt werden und als deren geistiges Vermögen dienen. Hier muss man erst loslassen, bevor man sein Ziel erreichen kann.

 

 

Auch das Strategem 12 kommt hier zum Tragen: Mit leichter Hand des (einem unerwartet über den Weg laufende) Schaf (geistesgegenwärtig) wegführen. Ist der Boden für den Angriff auf das Herz der Angebeteten vorbereitet, muss er "das Schaf" nur noch wegführen.

 

 

Aus Sicht des Christian von Neuvillette käme das Strategem 29 zum Tragen: Einen (dürren) Baum mit (künstlichen) Blumen schmücken. Seinen "dürren" Intellekt schmück er mit "künstlichen" Blumen, wobei seine Poesie von einem Dritten gestohlen wäre.

 

 

Bei gewalttätigen Demonstrationen ist es oft feststellbar, dass die Polizei den Mob sich erst austoben lässt, bevor sie einschreitet. „Deeskalation“ nennt sie die Strategie, Sachschäden in Kauf zu nehmen, um eine gefährlich aufschäumende Stimmung zu dämpfen, die Hauptgruppe in kleinere, leichter zu übersehende Gruppen zu teilen, um dann die Staatsmacht punktuell einsetzen zu können.

 

 

Auch die „Montagsdemonstrationen“ der früheren DDR hielten einen gefährlichen Funken latenter Gewalt in sich, der leicht hätte entzündet werden können, hätte sich die DDR-Staatsmacht nicht zurückgehalten. Am 17. Juni 1953 sah es anders aus. Sowjetische Streitkräfte schossen auf deutsche Demonstranten und am Ende waren mindestens 55 Todesopfer zu beklagen, weil die deutsche Bevölkerung massiv gegen eine Erhöhung der Arbeitsnormen protestiert hatte und die Situation eskalierte. Erst durch den massiven Einsatz von 20.000 Sowjetsoldaten und 6.000 Polizisten konnte der Widerstand der Protestanden gebrochen werden.

 

Das 16. Strategem rät, die Kräfteverhältnisse umzukehren und rät zur Zurückhaltung, statt den Gegner unverzüglich vernichten zu wollen und dessen massive Reaktion zu provozieren und eigene Kräfte zu verschleißen. Bei diesem Strategem spielt „psychologische Kriegsführung“ eine große Rolle: Der Stärkere lässt den Gegner zunächst los, um ihn dann noch besser packen zu können, anstatt ihn in die Ecke zu drängen und eine verzweifelte Gegenwehr zu provozieren und eigene Kräfte zu verschleißen.

 

Die historische Gegebenheit hinter dem 16. Strategem:

 

In den frühen Jahren der Han-Dynastie ermordete im Staat Syong Nu der Prinz Mao Dun seinen Vater und setzte sich selbst als König auf den Thron. Die Regierung des Nachbarlandes Dong Hu wollte wissen, welcher Gesinnung der neue König sei und schickte einen Abgesandten nach Syong Nu, um das Pferd des getöteten Königs zu fordern. Die offiziellen Vertreter von Syong Nu missbilligten diese Forderung, doch König Mao Sun lächelte nur und sagte: „Dong Hu ist unser Nachbarland. Wie können wir deren wichtige Freundschaft nur wegen eines Pferdes verlieren?“ So gab er das Pferd dem Land Dong Hu.

 

Einige Zeit später sandte Dong Hu erneut einen offiziellen Vertreter, der die Königin von Syong Nu forderte. Deren Offizielle protestierten erneut. Aber Mao Dun lächelte erneut und sagte: „Ich möchte die Freundschaft des Nachbarlandes nicht verlieren – nur wegen einer Frau.“ Also gab er die Königin nach Don Hu.

 

Drei Monate später stellte Dong Hu erneut eine Forderung: Ein Stück Land wollte man von Syong Nu haben. Doch diesmal war Mao Dun sehr verärgert. Er schnellte von seinem Thron auf und sagte wütend: „Land ist die Grundlage eines jeden Staates. Wie können wir es weggeben?“ So befahl er die Arrestierung des Abgesandten und ordnete einen Angriff auf Dong Hu an, so schnell es eben möglich sei. So kam es, dass Mao Dun das Nachbarland Dong Hu ohne die geringste Vorwarnung angriff und das unvorbereitete und verblüffte Land Dong Hu in kürzester Zeit besetzte.

 

Diese Geschichte zeigt, dass man Grenzen nicht überschreiten darf, die den Gegner so stark in die Enge treiben, dass er unkontrolliert reagiert. Zunächst sollte er seine Kräfte aufzehren. Man greift ihn erst an, wenn die Moral und seine Kräfte ganz unten sind und erreicht einen Sieg mit geringem eigenen Aufwand.

 

Hier geht es zum 17. Strategem