18. Strategem

Den Gegner unschädlich machen, indem man ihren Anführer fängt

Sinnhaftigkeit: Die Kraft oder Organisation zerfällt, wenn der Anführer unschädlich gemacht wird.

 

Strategemziel: Dem wichtigsten Teil einer zusammenhängenden Gruppe identifizieren und gezielte Maßnahmen ergreifen, um dessen Kopf unschädlich zu machen.

 

Taktik: Geschenke machen, den Gegner ködern, sich beliebt machen, internes Wissen anbieten, um ein persönlich und individuell unterschiedlich höherwertiges Ziel zu erreichen.

Das wohl spektakulärste Beispiel dieses Strategems bietet der russische Oligarch Michael Chodorkowski, der dem russischen Präsidenten Putin Forderungen abringen wollte und von diesem in einem sibirischen Arbeitslager kaltgestellt wurde.

 

Nachdem der sowjetische Ministerpräsident Michail Gorbatschov nach seiner Machtübernahme 1985 eine Lockerung der Meinungsfreiheit und Presse durchgesetzt hatte, wurden um 1990 auch erste private Unternehmensgründungen erlaubt. Besonders bevorzugt waren die „roten Direktoren“, die staatliche Betriebe aufgrund ihrer Stellung im Unternehmen in die eigenen Hände privatisierten und zu Milliardären wurden. Durch ihren Reichtum und der damit verbundenen Macht war es ihnen möglich, auch politische Forderungen zu stellen, die den späteren russischen Präsidenten Putin ein Dorn im Auge waren. Da diese so genannten Oligarchen jedoch Schlüsselpositionen in Öl-, Medien- und Schwerindustrien inne hatten, war es ihm nicht möglich, alle gleichzeitig unschädlich zu machen. Daher wählte er den stärksten, mächtigsten und einflussreichsten Oligarchen aus, und ließ ihn unter dem Vorwand der Steuerhinterziehung festnehmen, den Prozess machen und für viele Jahre in ein sibirisches Arbeitslager inhaftieren: den 1963 geborenen Michael Chodorkowski. Andere wiederum wie Boris Beresowski oder Wladimir Gussinski wurden durch Druck dazu bewegt, ihre Imperien abzutreten und als freie Männer ins ausländische Exil zu wandern.

Auch führende Mafiaköpfe sind ebenso stets Ziel italienischer Staatsanwälte, um die sizilianische Mafia nicht zu mächtig werden zu lassen oder gar auszuschalten, wie es die Drogenbosse für mexikanische Staatsanwälte sind.
Seit Jahren wird nach Osama bin Laden gefahndet, um Al Kaida als Gefahr für die Weltsicherheit auszuschalten.

Der irakische Diktator Hussein und seine korrupte Familie wurde Ziel alliierter Truppen um die USA und Groß Britannien, die den Irak unter dem Vorwand besetzten, die Iraker stünden unmittelbar vor der Fertigstellung einer Atombombe.

Ohne ihren Kopf ist eine Organisation oder ein Staat nicht überlebensfähig. Ähnlich wie die Wurzel einer Pflanze, die nach deren Beseitigung eingeht, geht es auch den Strukturen in einer korrupten Organisation oder einem korrupten Staat –sie sind leicht zu übernehmen bzw. zu zerschlagen. Wichtig ist allerdings, dass man nicht nur die Führungspersönlichkeit beseitigt, sondern auch deren gesamte Führungsriege. Bereits Machiavelli schrieb in seinem Buch „Der Fürst“ davon, einen Staat zu beherrschen, indem es „hinreichend ist, die Familie ihrer vorherigen Beherrscher auszurotten“, was bekanntlich auch mit der russischen Zarenfamilie während der russischen Revolution passiert ist. In vorherigen Jahrhunderten ist man nicht sehr zimperlich mit den Adligen umgegangen, wenn man ihr Land überfallen hat. Nach heutigen Maßstäben wird der „Kopf“ eher in politischer und wirtschaftlicher Kaltstellung rollen, als tatsächlich.

Die historische Gegebenheit hinter dem 18. Strategem:

Während der Tang-Dynastie fand die so genannte „An Shih Rebellion“ statt. Jhang Syun war während der Schlachten siegreicher General über die Rebellen. Doch obwohl sie erhebliche Verluste erlitten und dezimiert waren, weigerten sie sich, aufzugeben und den Widerstand abzubrechen. Jhang Syun war als brillianter Stratege bekannt und erkannte schnell, dass eine Niederwerfung des Aufstandes nur dadurch möglich war, indem er den Rebellenführer namens Yin Ji Zih tötete.

 

Allerdings war es dem General nicht bekannt, wer jetzt der Rebellenführer war. So entschloss er sich zu einer List: Er ließ aus getrockneten Weizenhalmen spitze Pfeile fertigen und sie auf die Rebellenarmee abfeuern. Diese erkannte die Unwirksamkeit dieser als Waffe und sammelten sie lachend auf, um sie ihrem Führer zu zeigen. So liefen die Bogenschützen mit den Weizenhalm-Pfeilen in das Lager zurück, um deren Führer Yin Ji Zih Bericht zu erstatten.


General Jhang Syun ließ diese „Truppenbewegungen“ unbemerkt beobachten und seine eigenen Bogenschützen in Stellung bringen, um auf diejenige Person Pfeile zu schießen, der die Weizenhalmpfeile gezeigt würden. So traf ein „richtiger“ Pfeil den gegnerischen General im linken Auge und verwundete ihn so sehr, dass die Rebellen führerlos auseinanderliefen und von der Armee des Generals Jhang Syun besiegt werden konnten.

 

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