20. Strategem

Das Wasser trüben, um Fische zu fangen

Kategorie: Listen für Scheinangriffe und wirre Situationen

 

Sinnhaftigkeit: Das Unglück Anderer zum eigenen Vorteil ausnutzen

 

Strategemziel: In misslichen Zeiten bieten sich immer wieder Gelegenheiten zum eigenen Vorteil. Es gilt, das Beste aus einem Unglück herauszuholen oder von absichtlich herbeigeführten Unglücksfällen zu profitieren.

 

Taktik: Wen der Gegner schwach, hilflos und orientierungslos ist, die Situation zu eigenen Gunsten ausnutzen.


Er aber sprach zu ihnen:
„Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier. „

Bibel, Lukas 18, Vers 37

 

Um einmal mehr hervorzuheben: Die 36 Strategeme sind KEINE Aufrufe zu kriminellen Handlungen, sondern lediglich Metaphern, wie Situationen des täglichen Lebens Vorteile verschaffen, ungeachtet ethischer oder moralischer Grundsätze. Das Ziel dieser Arbeit besteht also darin, den Sinn für derartige Situationen zu schärfen. Daraus folgt, dass man entweder alles tut, um einen eigenen Unglücksfall gar nicht erst entstehen zu lassen oder aus dem Unglück Anderer Vorteile zu erzielen.

 

Wer will schon einen Unfall erleiden oder Bankrott gehen? Niemand. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, die gewissenlose Mitbürger zum eigenen Vorteil ausnutzen. Manche Situationen kann man nicht oder nur wenig beeinflussen. Doch wer durch eigenes Verschulden einen Unfall erleidet und unter Schock steht, muss sich nicht wundern, wenn während der Rettungsmaßnahmen die Geldbörse, das Mobiltelefon oder der Minicomputer entwendet wird. Durch eine umsichtige und defensive Fahrweise kann man also dazu beitragen, selbst verschuldete Unglücksfälle zu vermeiden.

Wenn der Gegner schwach, hilflos und orientierungslos ist, gibt es immer wieder Menschen, die diese Situationen auszunutzen verstehen. So sind so genannte Kriegsgewinnler oder Schnäppchenjäger immer wieder Beispiele für Personen, die Wirren des eigenen Vorteils willen ausnutzen. Gerade in Literatur, die den Zweiten Weltkrieg beschreibt oder in dessen Folge entstanden sind, gibt es Geschichten über Kriegsgewinnler, die die aufgelösten Strukturen im niedergeschmetterten Deutschland zu ihrem Vorteil nutzten. So wird im Roman „Hurra, wir leben noch!“ von Johannes Mario Simmel die Geschichte des Jakob Formann beschrieben, der aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück nach Linz in Österreich kommt und dort als Dolmetscher für die US-amerikanische Armee arbeitet. Dort nutzt er seine neuen Kontakte, um sich selbstständig zu machen: Er ergaunert sich bei den Amerikanern 40.000 angebrütete Eier und schafft daraus eine Hühnerfarm. In schnellen Schritten steigt Formann daraufhin zum erfolgreichen Konzernchef der jungen Bundesrepublik auf.

Wer kennt sie nicht, die professionellen „Haushaltsauflöser“ und „Schnäppchenjäger“, die nach Todesfällen und Konkursen die verbleibenden irdischen Güter zu geringen Preisen aufkaufen, um sie später teuer wieder zu verkaufen? So manches seltene Porzellan wurde dabei unter Wert abgegeben, weil man sich wegen seines Schmerzes nicht die Mühe mehr machen wollte, alles genau untersuchen und schätzen zu lassen. Ganze Büroeinrichtungen, erst neu angeschafft, wurden zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises abgegeben.


Manche börsenorientierte Unternehmen wurden systematisch in den Bankrott getrieben, nur weil sich in der Konkursmasse begehrte Patente befunden haben, die dann zu einem Ramschpreis mit übernommen und anschließend teuer verkauft wurden.

Auch die Schwäche von verschuldeten Staaten (z. B. Griechenland, Irland, Portugal, Spanien) führt dazu, dass Spekulanten auf sinkende Kurse wetten und diese Staaten systematisch noch weiter in ihr Unglück stürzen lassen und um so mehr daran verdienen, je größer das „Unglück“ ist. In den Wirren dieser Zeiten müssen Entscheidungen getroffen werden, die oftmals nicht genug durchdacht sind und dann zu noch größeren Unglücken führen.

 

Wer gerade in Zeiten der internationalen Finanzkrise in Gold investiert hat, hat aus der weltweiten Verunsicherung viel Geld gewinnen können. Denn gerade Gold ist eine Ersatzwährung in Zeiten großer Verunsicherung. Doch Gold alleine wirft keine Zinsen ab, sondern steigt oder fällt im Wert. Gewinner sind die, die zuerst investiert haben und deren Depotwerte ins Unermessliche gestiegen sind, während diejenigen, die erst spät oder sogar zu spät eingestiegen sind, bei sich entspannender Wirtschaftslage und dem damit verbundenen Kursrückgang der Goldpreise weiter ins Unglück stürzen könnten.

 

Dieses Strategem bedeutet also, im „aufgewühlten Wasser“, also in Zeiten von unglücksbedingter Orientierungslosigkeit, zu fischen, um sich diese allgemeine Lage von Verwirrung und Chaos zunutze zu machen.

Die historische Gegebenheit hinter dem 20. Strategem:

Einmal schickte Jin Wu Di eine Armee von zweihunderttausend Soldaten, um das Land Wu anzugreifen. Die Armee wurde vom großen General Du Yu angeführt. Als die Armee die Stadt Yue Siang belagerte, die direkt neben dem Fluss Jangtse lag, setzte dessen Befehlshaber Jhou Shih mit einer Begleitung von zweihundert Reitern, die in den Uniformen der feindlichen Wu-Soldaten des nachts über den Fluß. Außerhalb der Stadt legten sie sich in einen Hinterhalt.

 

Am folgenden Tag führte der General der verteidigenden Stadt Sun Sin seine Armeen außerhalb der Stadtmauern gegen die Belagerer aus Jin. Die Schlacht ging verloren und die Wu-Armee besetzte die Stadt, in der an mehreren Stellen Feuer loderten. Um keine Brandruinen zu erobern, begann die Armee damit, die Feuer zu löschen.

 

Zwischenzeitlich hatten sich die 200 Reiter, die nachts über den Fluß gekommen waren, unter die feindlichen Soldaten aus Wu gemischt. Im Chaos der Schlacht ritten sie zurück zum Hauptquartier der Armee von Wu, überwältigten dort deren Führer Sun Sin und nahmen ihn lebend gefangen. So geschah es, dass nunmehr Jin Wu Di innerhalb von fünf Monaten vom kleineren und schwächeren Land Wu erobert wurde.

 

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