22. Strategem

Die Türe schließen und den Dieb fangen


Kategorie:           Listen für Umzingelungen, Einkreisungen bzw. Einkesselungen

Sinnhaftigkeit: 

Den schwächeren und ungefährlicheren Gegner in eine schwierige oder ausweglose Situation bringen

 

Strategemziel:

Einen unterlegenen "Dieb" (Gegner) so einengen, umzingeln, einkesseln, dass es mit minimalem Aufwand an Energie und Personal erfolgt und entschlossen zugreifen, wenn der Moment optimal gekommen ist - ihn also sprichwörtlich "schachmatt setzen".

 

Taktik: Den Gegner in eine Situation bringen, die für ihn ausweglos ist, also in eine Falle locken, die für ihn unentrinnbar ist und keinerlei Fluchtmöglichkeit mehr bietet.

Sunzi / Sun Wu (um 544 v. Chr.- † um 496 v. Chr.)

 

Wenn Du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.

 

Es gibt Strategeme für "jede Gelegenheit" und insbesondere für die "großen Schlachten", die geschlagen werden müssen. Weniger spektakulär ist das Fangen eines Diebes und somit auch der damit zu betreibende Aufwand. Je kleiner der Dieb, um so geringer auch der Erfolg bei seiner Ergreifung. Also muss er mit möglichst geringen Mitteln ergriffen werden können. Hat man ihn jedoch in der Falle, ist Zögern und Zaudern tödlich und kann einen großen Fehler bedeuten: Nämlich wenn der vermeintlich schwächere Dieb sich stärkt und dann auf Rache sinnt. Um ihn schachmatt setzen zu können, müssen wir ihn in eine Umgebung locken, in der wir die Türen und Tore hinter ihm verschließen und sämtliche Fenster verrammeln können. Da dies natürlich nur im übertragenen Sinne zu verstehen ist, locken wir ihn selbstverständlich in eine mentale Falle, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Man muss allerdings bedenken, dass sich der aktuell schwächere Gegner nicht so ohne Weiteres in die Falle locken lässt. Daher ist ein kluges und seinem Wesen, seiner allgemeinen Umstände und seiner Gemütsverfassung Handeln erforderlich, um ihm nicht die Chance zu geben, sich zu erholen und nach Rache sinnend zurück zu schlagen. Kalkulieren wir daher besser auch seinen Standpunkt, seine Wünsche und Ängste mit ein, um gleich mit einem Streich erfolgreich zu sein. Ist der "Dieb" in der Falle und haben wir sie zuschnappen lassen, dürfen wir ihm keinerlei Chance zur Gegenwehr mehr geben, keine Luft zum Atmen und müssen seine Unterlegenheit mit absoluter Gewinnmentalität überwältigen - eine für den Triumph ganz wesentliche Voraussetzung. Ist der Gegner stärker als wir, müssen wir seine Kräfte teilen und ihn somit in der Gesamtheit schwächen und ihn dann schlagen.

 

Wir wissen, dass Menschen und Tiere, die sich in die Enge getrieben fühlen, unerhörte Kräfte mobilisieren können, um sich aus der Bedrängnis zu befreien. Lassen Sie es nicht zu und verriegeln alle Schlupflöcher wie das Gitter vor dem Käfig, in dem der Löwe in der Falle sitzt und höchstens Fauchen kann. Sieht der Gegner auch nur die geringste Chance zum Entkommen, wir er wie ein Löwe weiterkämpfen und sich erst ergeben, wenn es keinerlei Rettung oder Ausweg für ihn mehr gibt.

 

Lassen wir ihn entkommen und sammelt er seine Kräfte, wir er auf Rache sinnen und zurückschlagen, sobald er die Chance dazu sieht. Möglicherweise schlägt er dann zu, wenn wir selbst nicht auf der Höhe sind und bedauern den Moment des zaghaften Zauderns.

Die historische Gegebenheit hinter dem 21. Strategem:

Während der Regierungszeit der Kaiserin Wu Ze Tian in der Tang-Dynastie gabe es zwei Minister, die Lai Chen Juni und Jhou Sing hießen und von der Kaiserin begünstigt wurden. Ihr Auftrag war es, besonders effektive Folterinstrumente und -techniken zu entwickeln, um ihre Gegner "gesprächig" zu machen. Um die Effektivität ihrer Methoden zu überprüfen, wurden auch unschuldige Zivilisten und Beamte gefoltert, bis sie dem Scherz erlegen waren und falsche Geständnisse ablegten.

 

Eines Tages erfuhr die Kaiserin von einem geplanten Aufstand ihres Ministers Jhou Sing. Sie ließ den anderen Minister Lai Chen Juni zu ihr kommen und befahl im, nicht nur den abtrünnigen Minister zu verhaften, sondern auch heraus zu bekommen, wer sonst noch hinter dem Komplott stecke. Dieser Auftrag brachte Chen Lai Juni in Verlegenheit, denn sie waren nicht etwa Freunde, sondern auch Jhou Sing war ein Experte auf dem Gebiet der Foltermethoden und würde bestimmt nicht einfach sein, ihm die entsprechenden Geheimnisse zu entlocken und ihn zu entlarven.

 

So lud Chen Lai Juni seinen ahnungslosen Ministerkollegen zu einem Abendessen ein, um ihn um einen Rat zu fragen und wickelte ihn in ein Gespräch zur allgemeinen Politik ein. Das Gespräch nahm seinen geplanten Verlauf, als Chen Lai Juni erwähnte, dass die Kriminellen der jüngsten Vergangenheit immer aufgeklärter seien und sich trotz der bislang bewährten Methoden der jeweiligen Folter entziehen konnten, ohne das gewünschte Geständnis zu offenbaren und ob Jhou Sing nicht einen Vorschlag für eine effiziente Folter hätte. "Oh ja", erwiderte Jhou Sing sichtlich erfreut über das Interesse seines Kollegen, "wir testen gerade eine völlig neue und sehr effektive Methode, die jeden gesprächig machen würden: Man setze ihn in ein großes Gefäß mit Wasser, zünden ein Feuer darunter an und warten auf seine Gesprächigkeit. Ab einer bestimmten Hitze spricht jeder, das versichere ich Ihnen!" plauderte sich Jhou Sing um Kopf und Kragen.

 

Lai Chen Juni war höchsterfreut und klatschte in die Hände - doch nicht etwa vor Freude, sondern weil seine dienst hinein kamen, die Fenster und die Tür verriegelten und mit einem Topf voller Wasser sowie einer Feuerstelle hineinkamen und es zum Kochen brachte. Als es so schön dampfte wandte sich Lai Chen Juni an Jhou Sing und sagte zu ihm: "Wir haben Dich im Verdacht, einen Komplott gegen unsere Kaiserin zu schmieden. Bekenne dich und Mittäter oder ich sehe mich gezwungen, Dich in dieses heiße Gefäß zu werfen und zu warten, bis Du redest!" In dieser Situation und angesichts der vor ihm stehenden schmerzhaften Folter gestand Jhou Sing, verriet seine Mitwisser und wurde mit ihnen gemeinsam auf weniger schmerzhafte Weise hingerichtet.

 

Hier sah Jhou Sing keinerlei Chance mehr, sich aus dem Würgegriff der (Folter-)Argumente zu entwinden und konnte das Fehlverhalten nur noch zugeben und seine Strafe empfangen.

 

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