23. Strategem

Sich mit Partnern aus der Ferne verbünden, um seinen Feind in der Nachbarschaft anzugreifen.

Kategorie:             Strategem der temporären Fernfreundschaft  / dem Fernbündnis, Hegemonie-
                               Strategem

Taktik:Zunächst strategische Freundschaften knüpfen, dann kleine Gegner / Konkurrenten aufkaufen, einverleiben oder in den Ruin treiben, um sich am Ende gegen den strategischen Freund zu wenden und ihn vernichtend zu schlagen und ihn in sein eigenes Reich einzuverleiben.
Sinnhaftigkeit: 

Zweckfreundschaften mit dem Ziel knüpfen, diese Freundschaft nur so lange aufrecht zu erhalten, bis andere, naheliegende Ziele erreicht sind.

 

Strategemziel:

Muss man eines großen Sieges wegen viele kleine Einzelsiege erringen, so muss man sich den stärksten und am weitesten entfernten Gegner zum Freund machen. Anschließend wendet man sich den vielen kleinen Gegnern zu und vernichtet diese. Geschickt angewandt merkt der ferne Freund erst spät, dass sich die Schlinge um seinen Hals immer fester zuzieht, bis es für ihn zu spät ist. Durch die kleinen Siege ist die eigene Position so sehr gestärkt, dass man dem fernen Feind ebenbürtig oder sogar überlegen geworden ist.

 

Meine Tochter ist 14 Jahre alt und in einem anstrengendem Alter: Der Pubertät. Es gibt so ziemlich drei Themen, um das sich alles rankt: Wie sehe ich aus? Was halten die Anderen von mir? Wie süß ist der Typ denn da?? "Lecker" gurrt sie noch und ich erkenne mein Baby gar nicht mehr wieder. Und weil wir sehr offen miteinander umgehen, erzählt sie mir auch Dinge, die kaum ein Erwachsener von seinen Kindern je hören würde: Sie erzählt über ihr Gefühlsleben und wie sie oder ihre Freundinnen den Typen anbaggern, der ihnen gerade gefällt. Dass ich es mir mittlerweile abgewöhnt habe, mir alle Namen zu merken, versteht sich von selbst. Doch eines ist hängen geblieben: Die Taktik, mit der die Kids heute vorgehen: Können sie den Herzbuben nicht im Frontalangriff erobern, greifen sie zur List: Sie machen dem Kumpel vom Herzbuben vorerst schöne Augen und freunden sich mit ihm an. Dabei ist Händchen halten im Kino das höchste der Gefühle, am will ja nicht in eine bestimmte Ecke gedrängt werden und riskiert seinen guten Ruf nur ein wenig. Ziel der Begierde ist natürlich der Kumpel vom Kumpel, also der Herzbube. Und über den Kinobesuch bekommt man Zugang zu Clique und nicht selten auch zum Herzbube-Herzen. Soweit die Pubertät.

Im Wirtschaftsleben ist es ähnlich. Man hat das große Ziel der Übernahme eines mächtigen Gegners, an dem man sich im Frontatlangriff so verschlucken würde, wie Porsche an Volkswagen oder die Schaefflers an der Continental AG. Mit diesem 23. Strategem kann man einen vorerst übermächtigen Gegner nur durch strategische Bündnisse herausfordern und in die Knie zwingen. Dazu ist eine gründliche Vorplanung erforderlich, denn wenn wir uns auf das übermächtige Terrain begeben, ohne Asse im Ärmel zu haben, geraten wir ins direkte Visier und kämpfen auf fremdkontrolliertem Gebiet, gehen unkalkulierbare Risiken ein und binden Kräfte, die an anderer Stelle viel besser eingesetzt wären. Klüger wäre es also, den Partner der Begierde mit freundschaftlichen Kooperationsangeboten einzulullen und jegliche Übernahmeabsicht zu verschleiern. Möglicherweise sichern wir uns deren Unterstützung oder im schlechtesten Fall deren Neutralität, was einem direkten Gegner mögliche Bündnispartner nimmt. Konzentrieren wir uns also auf den direkten Gegner und isolieren ihn in unserer direkten Nachbarschaft. Diese könnten Zulieferer von Ersatzteilen, Rohstoffen, aber auch Patente oder zugehörige Firmen sein, die mit dem gewünschten Übernahmekandidaten in einem direkten Geschäftsverhältnis stehen.

Ein Beispiel dieser Art liefert der französische Unternehmer und Absolvent der französischen Elite-Universität und Karriere-Schmiede Polytechnique Claude Bébéar. Er schuf aus dem kleinen provinziellen Versicherungsverein "Mutuelles Unies" den größten Versicherungskonzern der Welt: Der AXA-Versicherung durch eine Reihe von Zukäufen in Europa. In der Regel waren die Zukäufe deutlich größere Unternehmen, bis sich Bébéar an einen ganz großen Brocken machte - aber davon später.. 1980 lag der Umsatz der von ihm geführten Unternehmen 150 Millionen Euro - als er 20 Jahre später den Stab an Henri de Castries übergab, waren es 75 Milliarden Euro, 2010 sogar 90 Milliarden Euro. AXA verwaltet ein Vermögen von 1,1 Billion Euro (Stand: 31. Dezember 2010) und das Ergebnis der operativen Geschäftstätigkeit betrug 2010 rund 3,9 Milliarden Euro (Quelle: Wikipedia). So wagte er 1991 die Übernahme des US-Versicherungsvereins "Equitable Life", seinerzeit die Nummer fünf der USA und damals am Rande der Pleite befindlich. Der erfolgreiche Unternehmer Bébéar schaffte die Wende und machte aus dem Versicherungsverein eine profitable Aktiengesellschaft. Fünf Jahre später übernimmt die AXA die deutlich größere UAP und wird zur Nummer eins in Europa. Mit im Paket der UAP befanden sich auch zwei traditionsreiche deutsche Erst- und Industrie-Versicherer: Die Colonia-Versicherung und die Nordstern-Versicherung, die der AXA (die während einer Übergangszeit AXA-Colonia hieß) den breiten Zugang zum deutschen Markt ermöglichte. Ausgestattet mit einer breiten Finanzbasis konnte die AXA in Deutschland auch die Albingia-Versicherung kaufen und gab 2006 den Kauf der schweizerischen Winterthur-Versicherung von der Credit-Suisse für 7,9 Milliarden Euro bekannt.

 

Wer also ein großes Ziel hat, eine große Geschäftsidee hat und sich an den ganz Großen reiben will, sollte sich dieses 23. Strategem einmal genauer betrachten. Für dieses Strategem gibt es eine Vielzahl von Beispielen, die hier im Laufe der Zeit erarbeitet und vorgestellt werden.

Die historische Gegebenheit hinter dem 23. Strategem:

Gegen Ende der Zeit der "Streitenden Reiche" hatte sich die politische Lage so entwickelt, dass es nur noch sieben ernst zu nehmende Reiche in China gab. Das Land war aber nicht geeint, so dass in der Zeit von 359 - 350 v. Chr. von Shang Yang, einem bedeutenden chinesischem Staatsmann, Reformen eingeleitet wurden, die den Staat Qin von Tag zu Tag stärker werden ließen. Gemeinsam mit Herzog Xiao führte er eine Reihe legalistischer Reformen durch, die Qin zu einem mächtigen zentralisierten Land machten. Die Förderung des Militärs und die Erhebung des Angriffskriegs zur Staatspflicht führte Unweigerlich dazu, dass der spätere König Cin Jhao in Planungen überging, die sechs verbleibenden Reiche zu erobern, um China zu vereinen. Erstmalig in Chinas Geschichte lag es greifbar nahe, ein einheitliches Reich zu bilden. Im Jahr 270 v. Chr. wollte König Cin Jhao das Land Ci direkt erobern, doch sein Premierminister Fan Suei riet von dieser Strategie ab. Vielmehr präsentierte er König Cin Jhao eine List, sich mit dem stärksten und weitesten entfernten Gegner anzufreunden und die Nachbarländer direkt anzugreifen.

 

 

Unter den sechs verbleibenden Ländern war Ci das stärkste und am weitesten weg von Qin. Statt also Ci anzugreifen und dazu die dazwischen liegenden Länder durchqueren zu müssen, entschied man sich, zunächst die Freundschaft von Ci zu suchen und damit dieses Land vorläufig zum Schweigen zu bringen. Statt also durch die Gebiete Han und Wei zu marschieren und dabei auf Widerstand zu stoßen, entschied man sich, die Truppen zu schonen, ein Nachbarland nach dem anderen anzugreifen und in das Reich Qin einzuverleiben. So verschob sich die Grenze von Qin langsam Richtung Ci, das sich ob der Freundschaft zu Qin sicher wähnte. Vielmehr erklärte es die Feinde Qin zu Feinden Ci, so dass auch hier keine Verstärkung und Unterstützung der angegriffenen Länder zu erwarten war.

 

 

Es folgten in der Geschichte Chinas einzigartige Feldzüge, die am Ende zur Einheit Chinas führten: 230 v. Chr. Eroberung von Han, 225 v. Chr. von Wei, gefolgt von der Eroberung von Chu in 223 v. Chr. Es folgte 222 v. Chr. Zhao und Yan, bis 221 v. Chr. Qi, der letzte Verbündete fiel. Am Ende der Schlachten und Eroberungen und innerhalb von nur 10 Jahren waren alle Gegner Qins besiegt und in das Reich einverleibt.

 

 

 

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