26. Strategem

Auf den Maulbeerbaum zeigen und dadurch die Akazie schelten.


Kategorie:           Strategem der versteckten Kritik, Strategem des verdeckten Angriffs, Mobbing-Strategem,
                               Prügelknaben-Strategem

 

Sinnhaftigkeit: 

Will man das Verhalten des Gegners ändern, ohne ihn direkt angreifen zu wollen bzw. zu können, bedient man sich einer indirekten Taktik. Sie wird auf indirekte Art oder durch jemand anderen (Prügelknabe) durchgeführt.

 

Strategemziel:

Kann man einen mächtigen Gegner (symbolisch: Akazie) nicht direkt angreifen, mimt man eine andere, weniger heikle Situation (symbolisch: Maulbeerbaum), um dem Gegner deutlich zu machen, was der falsch macht, ohne selbst angreifbar zu sein.

 

Taktik: Kann man den mächtigen Gegner nicht direkt angreifen, werden durch ständige Sticheleien, Bemerkungen, Veröffentlichungen etc., die sich auf scheinbar harmlose oder unbedeutende Ereignisse, Geschehnisse oder Personen beziehen, der Gegner indirekt angegriffen und mürbe gemacht bzw. zu Fehlern gereizt.

Chinesen lieben es nicht, eine direkte Konfrontation einzugehen. Lieber sprechen sie durch die Blume oder sprechen über eine abwesende Person, obwohl ein Anwesender gemeint ist. Direkte Konfrontation birgt immer das Risiko eines Streits, den es unbedingt zu vermeiden gilt, will man keinen unabwägbaren Ausgang riskieren. Es geht auch um die unbewusste Manipulation des Gegners, indem man unerwünschte Verhaltensweisen allgemein kritisiert, ohne den Gegner direkt anzugreifen, aber alle Teilnehmer wissen zu lassen, wer oder was gemeint ist. Man spielt ein Theaterstück, trägt eine Maske und teilt damit genau das mit, was man sagen möchte, ohne eine Strafe oder Ermahnung zu riskieren.

 

Wer sich direkt angegriffen fühlt, fällt unweigerlich in eine Abwehrhaltung und schottet seine Empfänglichkeit für Ratschläge ab. Das Gegenteil ist oft der Fall, weil sich der Betroffene in der Defensive befindet. Will man jemanden also direkt zu einer Handlung motivieren ("Akazie"), nimmt man für dessen schlechte Eigenschaft den Untergang oder den Schaden eines Dritten ("Maulbeerbaum"), um den direkt gemeinten zum gewünschten Handeln zu bewegen. Will man ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen, sagt man dem Kunden oder Interessierten nicht, dass er selbst ohne dem Angebotenen Nachteile erleidet, sondern dass andere gravierende Nachteile erlitten hätten, weil sie das angebotene Produkt nicht genutzt haben. So soll der Angesprochene über deren Scheitern nachdenken, um eigenes Scheitern zu vermeiden.

Die historische Gegebenheit hinter dem 26. Strategem:

Ming Sian Zong war ein inkompetenter Kaiser und vertraute seinem Eunuchen mit dem Namen Wang Jhih. Dieser wiederum hatte das tatsächliche Sagen im Land, weil sich der Kaiser um Nichts kümmerte. Wang Jhih hatte noch zwei weitere Eunuchen mit den Namen Wang Yue und Chen Rong an seiner Seite und gemeinsam begangen sie viele Untaten im Land, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Beamten des Staates fürchteten diese Dreier-Gang und wagten nicht, dem Kaiser von den Gräueltaten zu berichten, zu groß war deren Einfluß auf den Kaiser und man fürchtete um den Kopf.

Zu dieser Zeit gab es einen weiteren Eunuchen, der den Namen A-Chou trug und ein Multitalent in Sachen Humor und Witz war. Der Kaiser mochte ihn sehr und verzieh im so manche derbe Posse. Eines Tages forderte der Kaiser A-Chou und seine Truppe an, um vor ihm zu spielen. Das Stück, das er zeigen wollte, hieß „Besoffen“ und A-Chou mimte einen betrunkenen Beamten im Land des Kaisers Ming Sian Zong. Die Show begann und A-Chou betrat torkelnd und Witze erzählend die Bühne. Schon nach kurzer Zeit hatte er sein Publikum mit seinen vorzugsweise politisch unkorrekten Witzen so sehr in den Bann gezogen, dass sich sie die Bäuche hielten vor Lachen. Zur Show gehörte dann auch, dass ein Passant die Bühne betrat und einen Minister ankündigte: „Der Minister ist auf der Durchreise zu einem offiziellen Termin. Macht den Weg frei uns schweigt!“ Doch der betrunkene A-Chou antwortete: „Wen interessiert es, ob es ein Minister ist oder nur ein kleiner Beamter? Wen interessiert es, ob es ein weißer oder ein schwarzer Hund ist? Du gehst deinen Weg und ich gehe meinen Weg. Tatsächlich war ich zuerst hier und so seid Ihr es, die um mich herumgehen solltet.“ Daraufhin antwortete der Passant auf’s Neue: „Der Kaiser ist hier!“ worauf A-Chou lachend entgegnete: „Ha, der Kaiser? Der sitzt doch nur auf seinen Thron und träumt. Seine Sinne sind benebelt und er ist meist besoffener, als ich es jetzt bin. Wäre er klaren Verstandes, würde er wissen, was um ihn herum geschieht und welche Gräueltaten in seinem Namen in seinem Reich verübt würden.“ Daraufhin der Passant: „Du Narr, wie sprichst du über den Kaiser? Ich werde dich lehren, dass man über ihn nicht spotten darf und rufe jetzt seinen Eunuchen, Wang Jhih auf die Bühne!“. Es erscheint ein Schauspieler, der aussieht wie der Vertraute des Kaisers, der sein Übel über das Volk bringt. Der betrunkene A-Chou wirft sich vor dem Minister des Kaisers auf die Knie und rief: „Gnade, Gnade oh mächtiger Wang Jhih, ich wollte euch nicht beleidigen. Schlagt mich nicht, köpft mich nicht und übergießt mich nicht mit heißem Fett, so wie ihr es sonst immer tut! Ich werde dem Kaiser auch nichts von Euren Taten im Land erzählen!“

 

Auf diese Weise bekam der Kaiser Ming Sian Zong die Information, dass es in seinem Land Dinge gibt, die er nicht ungesühnt lassen darf und ließ die Dreierbande gefangen nehmen und köpfen.

 

Ziel des Strategems liegt darin, eine direkte Konfrontation zu vermeiden, eine Warnung zu geben oder andere unangenehme Wahrheit zu verbreiten. Stattdessen greifen Sie zu Humor, Analogien oder Anspielungen, um jemanden eine Botschaft zu übermitteln, ohne gleichzeitig den Namen eines Betroffenen zu nennen.

 

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