27. Strategem

Stelle Dich dumm, sei aber nicht verrückt, sondern schlau

Kategorie:         Strategem, bei dem ein geistiger oder körperlicher Mangel vorgespielt wird, Narretei-Strategem, Schein-Überlegenheits-Strategem

Taktik:Für das 27. Strategem sind zwei Beteiligte erforderlich, die sich "die Bälle" gegenseitig geschickt so zuspielen, dass der Gegner so in die Irre geleitet wird, wie ein Taschen- oder Hütchenspieler seine Erbse verschwinden lässt. Allerdings muss dieses Strategem dosiert ausgeführt werden, um keinen Argwohn zu erwecken.
Sinnhaftigkeit: 

Sich dumm stellen, um die Aufmerksamkeit des Gegners abzulenken..

 

Strategemziel:

Durch gespielte Dummheit, Verrücktheit und Unüberlegtheit den Gegner im Glauben lassen, dass man es mit einem harmlosen Gegner zu tun hat. Erst im Kampf zeigt der einst "Dumme" seine Überlegenheit und sorgt somit für einen Sieg.

 

Wer stark ist, dem wird mehr abverlangt als derjenige, der schwach ist. Wer selbstbewußt daherkommt, wird eher mit einem rauhen Ton rechnen müssen, weil sich das Gegenüber selbst behaupten will. Wer sich aber dumm stellt, wird es im Alltag leichter haben. Wer ein einfaches Gemüt zeigt, dem wird im Alltag mehr geholfen als demjenigen, der anscheinen alles kann. Man wird auch nicht so oft angegriffen, weil man für andere keine Gefahr darstellt. Im Beruf kann eine solche Einstellung hilfreich sein, weil niemand hinter einer einfachen Fassade Ungemach vermutet.

 

Umgekehrt kann Zurückhaltung beim Gegenüber auch den Wunsch auslösen, sich zu öffnen, seine Meinung offen zu sagen und eigene Schwächen einzugestehen. Auch kreative Menschen lösen sich sehr oft, wenn das Gegenüber nicht so erdrückend dominant ist. Wer das Wechselspiel von Zurücknehmen und dann stark ist, wenn die Anforderung danach besteht, erfüllt dieses Strategem bravourös zu seinem eigenen Nutzen.

Die historische Gegebenheit hinter dem 27. Strategem:

Verberge Dich hinter einer Krankheit und lasse alle Aktivitäten ruhen. Das entwaffnet Deine Feinde und macht Dich für Angriffe und Anfeindungen uninteressant. Warte auf den richtigen Moment und schlage zurück.

 

Während der Periode der „Drei Staaten“ berief der sterbende Kaiser Wei Ming einen Vertrauten mit dem Namen Cao Shuan zu sich. Er bat ihn, sich nach seinem Tode um seinen acht Jahre alten Kronprinzen zu kümmern und für ihn die Staatsgeschäfte zu lenken, bis dieser volljährig geworden sei. Nachdem der Kaiser gestorben war, hatte Cao Shan jedoch andere, ehrgeizigere Pläne. Nachdem also Wei Ming gestorben war, wollte Cao Shuan die Macht an sich reissen, indem er den Thronrat davon überzeugen wollte, den Kronprinzen zu entmachten und stattdessen Sih Ma Yi zum Premierminister zu machen. Cao Shuan hoffte, dass er selbst zum General über die Armeen des Landes ernannt würde, wenn der den General Sih Ma Yi zum Premier verhelfen würde. Auf diese Weise könnte Cao Shuan seine Vertrauten auf Schlüsselpositionen verteilen und die komplette Macht an sich reissen, wenn die Zeit gekommen wäre.

Sih Ma Yi wusste, dass Cao Shuan momentan zu stark war, um sich ihm zu widersetzen. Um eine Konfrontation zu vermeiden und um etwas Zeit für einen Gegenplan zu gewinnen, stellte sich Sih Ma Yi krank.

 

 

Als Cao Shuan benachrichtigt wurde, dass Sih Ma Yi krank sei, war Cao Shuan nicht überzeugt, dass er krank sei und schickte Li Sheng zu ihm, um die Wahrheit herauszufinden. Als Li Sheng bei Sih Ma Yi eintraf, fand er einen abgemagerten bettlägerigen Mann, der von einer Magd gefüttert wurde. Er war zu schwach, um Li Sheng im Wohnzimmer zu empfangen, so dass das folgende Gespräch im Krankenzimmer stattfand. Li Sheng sagte zu Sih Ma Yi: „Ich bin dazu ernannt worden, als Beamter in die Provinz Jing zu reisen und meinem Herrn dort eine Zeitlang zu dienen. Heute komme ich zu Ihnen, um Ihnen meinen Respekt zu zollen, meine Gebühren zu zahlen und ihnen gute Besserung zu wünschen.“ Daraufhin erwiderte Sih Ma Yi mit einem besorgten Gesicht: „Die Provinz Bing liegt sehr nahe an einem Gebiet mit vielen Barbaren. Seien Sie dort nur vorsichtig.“ Irritiert antwortete Li Sheng: „ Ich sagte nichts von der Provinz Bing, sondern ich fahre in die Provinz Jing,“ worauf Sih Ma Yi entgegnete: „Ach, Sie fahren auch in die Provinz Jing?“ In diesem Moment betrat die Magd das Krankenzimmer und hielt die Medizin in der Hand, die Sih Ma Yi einnehmen sollte. Mit zittriger Hand führte sie ihm den Löffel zu seinem geöffneten Mund. Doch statt die Medizin zu schlucken, sabberte er und der größte Teil lief im die Mundwinkel herunter. Gleichzeitig verdrehte er die Augen und zuckte wie in einem Anfall.

 

 

Nun war Li Sheng vollends überzeugt, dass Sih Ma Yi übergeschnappt und nicht mehr Herr seiner Sinne sei und reiste zurück, um Cao Shuan zu berichten. „Ich bin davon überzeugt, dass Sih Ma Yi fertig ist. Der ist keine Gefahr mehr für Euch und seine Tage sind gezählt. Ihr braucht Euch um ihn nicht mehr zu kümmern,“ wusste der Berichterstatter zu erzählen. Als Cao Shuan dies erfuhr, lachte er laut los und freute sich über diese für ihn gute Nachricht. Von diesem Moment an maß er Sih Ma Yi keinerlei Bedeutung mehr zu und nahm keine Notiz mehr von ihm.

 

 

Im nächsten Frühjahr befand sich Cao Shuan auf einer Pilgerreise zu einem heiligen Schrein, als der plötzlich „genesene“ Sih Ma Yi die Macht in einem Staatsstreich zurück eroberte und den Hinterhalt von Cao Shuan gegenüber dem Kronprinzen offenlegte. Cao Shuan wurde festgenommen und gemeinsam mit seinen Schergen exekutiert. Somit gab Sih Ma Yi die Macht und die politische Gewalt zurück an die rechtmäßigen Herrscher.

 

 

 

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