28. Strategem

Entferne die Leiter, wenn der Feind aufs Dach gestiegen ist

Kategorie:         Rückzugsauschluss-Strategem, Sackgassen-Strategem, Reusen-Strategem

 

 

Taktik:---
Sinnhaftigkeit: 

Den Gegner durch vermeintliche Vorteile zum Verrückten verlocken. Nachdem jeder Ausweg versperrt wurde, schnappt die tödliche Falle zu. Aber auch, sich selbst in eine ausweglose Situation bringen, um den Kampf motiviert aufzunehmen.

 

Strategemziel:

Wer mit dem Rücken zur Wand kämpft, will mit eisernem Willen überleben. Wer nur unter absolutem Erfolgsdruck arbeiten kann, braucht dieses Strategem. Täusche den Feind und lasse ihn im Glauben, eine Chance zu haben, um zu entkommen.

 

Wer kennt sie nicht, die Redewendung: "Dann machen wir den Sack zu!" Tatsächlich handelt es sich im Fall, dass man jemanden "in den Sack gelockt" und ihn "zugebunden" hat, um dieselbe Funktion: Der Gegner wird angelockt und sobald er in der Falle sitzt, wird ihm der Fluchtweg abgeschnitten. In diesem Fall steht die Leiter symbolisch für den Köder, mit dem wir den Gegner locken, ihn also auf das Dach locken wollen. In manchem Film mit Alpenpanorama wird dieses Strategem oft gezeigt: Die vollbusige blonde Dame lockt den brünftigen Jüngling am Fenster. Dieser wiederum besorgt sich eine Leiter, um ans Fenster oder auf den Balkon zu gelangen. Er ist so besessen vom "Erfolg" seines Balzens, dass er dabei alle Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lässt und blind hinaufklettert. Nicht selten erwarten ihn dort andere Ereignisse als die Gunst der Dame in blond, während ihm unten sprichwörtlich die Leiter weggezogen wird und er am Fenstersims baumelt.

 

Jeder Köder muss so ausgelegt werden, dass er das Interesse des Gegners entspricht. Ist er brünftig, bedarf es einer entsprechenden Gelegenheit, ihn blind werden zu lassen. Ist er habgierig, ist es die Aussicht auf einen schnellen Gewinn. Ein hochmütiger Gegner wird durch die vermeintliche Schwäche des Opfers in unbedachte Situationen gebracht und der Dummkopf ist leicht in einen Hinterhalt zu locken. Das Ziel muss also so ausgewählt werden, dass der Gegner genau das macht, was wir vorausgesagt und geplant haben. Wenn dre genau die beabsichtigten Züge macht, brauchen wir ihm nur noch den Rückweg abschneiden, um zu unserem Ziel zu gelangen.

Wir können es aber auch auf unsere eigene Situation anwenden. Bringen wir unsere eigenen Leute (Soldaten, Mitarbeiter etc.) in ausweglose Lagen ohne Rückzugs- oder Fluchtmöglichkeit, dann werden sie verbissener und nachhaltiger "kämpfen", als wenn diese Situation nicht eingetreten wäre.

 

Allerdings können nicht alle Folgen im Voraus geplant werden und es gibt gewisse Unabwägbarkeiten, wenn die "Leiter" erst einmal weggestossen wurde. Die Ereignisse können außer Kontrolle geraten, wie gut auch immer geplant wurde. Auch die Arbeitsbereitschaft wird in Zeiten der Krise (nachdem die Leiter weggestossen wurde) zwar deutlich gesteigert - gleichzeitig sinkt aber auch die Moral der weniger belastbaren Mitarbeiter. Somit sollte dieses Strategem besonnen eingesetzt werden.

Die historische Gegebenheit hinter dem 28. Strategem:

Während der Südlichen und Nördlichen Dynastien lebte ein Richter mit dem Namen Yang Jin in der Provinz Ci. Eines Tages wurde ein reisender Händler überfallen und all seines Hab und Gutes beraubt. Er meldete den Überfall dem Richter, der ihn nach Einzelheiten wie Statur, Kleidung und andere Auffälligkeiten befragte. Während der Händler alle Fragen beantwortete, stellte er auch fest, dass der Täter keinen lokalen Akzent spräche und von außerhalb kommen müsste.

 

Der Richter sammelte seine Polizisten um sich herum und ließ durch sie im Land die Botschaft verkünden, dass jemand ermordet worden sei und man jede Menge wertvoller Gegenstände bei ihm gefunden habe, die jetzt an den rechtmäßigen Erben abzugeben seien. Dabei gaben sie die Täterbeschreibung desjenigen an, der den Händler überfallen hatte.

 

Schon wenige Stunden später hatte sich die Nachricht im ganzen Land herumgesprochen und es erschienen mehrere Leute beim Richter, um die Habseligkeiten des Getöteten zu beanspruchen. Der Richter forderte die Personen auf, einige detaillierte Fragen zu beantworten, um den wahren Erben herauszufinden. Dabei wurde übereinstimmend ein Mann aus einer Region nordwestlich der Stadt genannt, auf den sowohl die Personen- als auch die Kleidungsbeschreibung passte. Nun schickte der Richter seine Polizisten in den angegebenen Wohnort, um sich dort auf die Lauer zu legen und den Verdächtigen gefangen zu nehmen. Nach einigen Stunden kam der Dieb zu seinem Haus. Dort wurde er von den Polizisten festgenommen und sein Haus durchsucht. Dabei fanden sie die fehlenden Gegenstände des überfallenden Geschäftsmannes und weiteres Diebesgut aus früheren Überfällen und Einbrüchen. Aufgrund der drückenden Beweislast musste er die Taten gestehen, um wenigstens ein mildes Urteil erwarten zu können.

 

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