29. Strategem

Den dürren Baum mit Blumen schmücken


Kategorie:           Aufbausch-Strategem, Attrappen-Strategem, Vortäusch-Strategem, Scheinwelt-Strategem

 

Sinnhaftigkeit: 

So wie Grigorij Aleksandrowitsch Potjomkin (auch Potemkin genannt) seiner Zarin Katharina den jämmerlichen Eindruck ihres Zarenreichs dadurch ersparen wollte, indem wer durch die Erstellung von Attrappen ein reiches Land suggerieren wollte, gibt es unzählige Gelenheiten, sich mit "fremden Federn" mit dem Zweck zu schmücken, mehr zu sein, als man ist.

 

Strategemziel:

Der Umwelt durch Erweckung des Scheins von Schönheit, Reichtum, Gelassenheit oder Lockerheit über eigene Fehlbarkeiten oder Armut hinweg täuschen.

 

Taktik: ---

"Mehr Schein als sein" spottet so ein Spruch aus des deutschen Michels Munde. Aber auch "Wie Du kommst gegangen, wirst Du auch empfangen!" ist allgemein bekannt und geläufig und zeigt den Grundtenor dieses Strategems: Auch in Zeiten der Schwäche so tun, als ob das Konto so prall wie der Bauch ist. Kleidung zu tragen wie ein König und aus dessen Fuhrpark einen Wagen zu fahren, der wahrscheinlich für den Bruder des deutschen Michel, den Otto Normalverbraucher allein schon unerschwinglich wäre. In Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen wäre es fatal, eine Schwäche zu zeigen, denn das könnte für den Gegner der Moment sein, zuzuschlagen, obwohl man seine Kräfte für andere Zwecke bräuchte und einsparen wollte. Um vor Kraft zu strotzen könnte man sich also auch die Kräfte eines benachbarten freundschaftlich gesonnenen Landes "ausborgen" und damit die eigene Kraftlosigkeit zu kaschieren.

 

Es gibt unzählige Möglichkeiten zu glänzen und den Gegner einen falschen Schein vorzuführen. Dazu gehört auch Prunk, Festivitäten und Gesangeseinlagen, deren Fröhlichkeit dem Gegner signalisieren soll, dass es einem gut ginge.

 

Der zentrale Inhalt dieser List zeigt die Kraft des schönen Scheins.

Die historische Gegebenheit hinter dem 29. Strategem:

Dieses Strategem war einem Baum entnommen, der seine Blüten mit Punkten versah, um sie größer erscheinen zu lassen, als sie tatsächlich waren. Dadurch wurden Insekten angelockt, die seine Blüten bestäuben sollten. Diese Illusion wurde übernommen, um Vorteile zu suggerieren, die es tatsächlich gar nicht gab. Man nutzt äußere Bedingungen wie die örtlichen Gegebenheiten, das Wetter oder einflussreiche Freunde, um einen Gegner zu täuschen und größere Macht und Einfluß zu suggerieren. Der Gegner wird dadurch getäuscht, indem er annimmt, das Opfer sei größer, stärker und einflußreicher als ursprünglich angenommen und der Gegner wird sich erschreckt abwenden.

Es lebte ein Jäger mit seiner Frau in einem kleinen, einfachen Haus direkt am Meer. Wie so viele Abende war der Mann auf der Jagd und seine Frau Cuei Hua alleine zu Hause. Oft blieb er mehrere Tage in der Wildnis, weil er einem Stück Wild nur verwundet hat und seiner Spur folgte, um es zu erlegen. Eines Tages bemerkte sie eine Person auf ihrem Grundstück und wollte ins Haus fliehen, um sich zu verbarrikadieren, denn es war nicht zu erwarten, dass ihr Mann schnell zu Hause sein würde. Allein der ungebetene Gast war schneller und folgte ihr ins Haus. Er befahl ihr, sich im Wohnzimmer auf einen Stuhl zu setzen und sagte zu ihr: „Verehrte Frau, es wird gleich dunkel und ich habe kein Quartier. Bitte lass mich über Nacht hier schlafen und ich werde morgen in der Frühe aufbrechen. Cuei Hua dachte bei sich: „Mein Mann wird nicht so schnell nach Hause kommen und ich habe gegen die Kraft des Eindringlings nichts zu entgegnen. Was soll ich bloß tun?

 

Sie sah sich um und sah durch den Vorhang ins Nachbarzimmer. Dort standen seine Schuhe und die von einigen Freunden, die ihren Mann gelegentlich bei der Jagd begleiteten. Im Laufe der Zeit waren immer wieder Schuhe vergessen worden, so dass sie einige Schuhe verschiedener Größen sah. Da kam ihr eine Idee und sie sagte zum Ganoven: „Freunde zu haben ist für Reisende sehr wichtig. Nehme zuerst eine Tasse Tee und ich werde dir warmes Wasser bringen, um deine Füße zu waschen.“ Der Eindringling war mit diesem Vorschlag einverstanden. Cuei Hua ging in die Küche, um heißes Wasser zu holen. Dann ging sie ins Nachbarzimmer, um die Schuhe unter dem Bett ihres Mannes hervor zu holen und sie vor den Kamin zu stellen. Der Dieb verfolgte das Geschehen und war darüber irritiert. „Ein paar Schuhe reichen mir, ich brauche keine sechs Paar Schuhe. Außerdem brauche ich auch nicht so viel Wasser,“ sagte er und sie antwortete: „Ja, ein Paar sind für dich und im Bottich sollen auch Deine Füße gewaschen werden. Doch die anderen Schuhe sind für meinen Mann und seine Freunde! Sie sind auf der Jagd und wollten eigentlich schon längst wieder hier sein. Ich erwarte sie jeden Moment.“ Der Eindringlich war plötzlich sehr verunsichert und blickte um sich, weil er befürchtete, dass ihn ihr Mann wegen seines Eindringens bestrafen würde. „Mache es dir bequem und fühle dich wie zu Hause. Ich werde unterdessen in die Küche gehen und das Abendbrot vorbereiten. Du musst wissen, dass mein Mann ein Riese ist und nach der Jagd einen unendlich großen Hunger hat. Wenn er nicht das Richtige zu Essen bekommt, wird er sehr schnell zornig.“

Dem Dieb war es nicht mehr so geheuer, was er da hören musste und wähnte sich in großer Gefahr. Würde ihr Mann mit seinen fünf Freunden jetzt nach Hause kommen, würde es ihm gewiß nicht gut ergehen. Mit einem Blick in die Küche bemerkte er, dass sie tatsächlich eine Menge Essen vorbereitete und verließ das Haus grußlos. Das Diebesgut ließ er zurück und essen wollte er auch nichts mehr.

 

Hier geht es zum 30. Strategem