30. Strategem

Tausche die Rolle des Gastes mit dem Gastgeber

Kategorie:           Ausboot-Strategem, Kuckuksei-Strategem

 

Taktik:---
Sinnhaftigkeit: 

Durch Rollentausch von "Gast" in "Gastgeber" von Passivität in Aktivität wechseln und das Haus des Gastgebers übernehmen.

 

Strategemziel:

Wer es von "Gast" zu "Hausherrn" bringen will, muss strategisch wichtige Positionen des Hausherrn mit eigenen Kräften besetzen, ohne dass es der "Hausherr" bemerkt. Zunächst muss er sich erst einmal in die Rolle des "Gastes" ("Angreifer") begeben, also die Tür sprichwörtlich einen Spalt öffnen, um an die strategisch wichtigen Positionen des Feindes ("Gastgebers") zu gelangen.

 

Im Kieler Umland gab es viele Jahre lang ein renommiertes Fitness-Studio, das sich wachsender Beliebtheit erfreute. Der Gründer hatte das Geschäft aufgebaut und zu einer ansehlichen Menge von Kunden gebracht. Dann entschloss er sich, zu expandieren und aus dem reinen Fitness-Studio einen Wellness-Tempel mit allem zu machen, was dem Kunden gefallen könnte: Vergrößerung der Sportfläche, neue Sportgeräte, Meditationsräume, Yoga-Angebote, Schwimmbad, Sauna-Anlage und vieles mehr. Das Investitionsvolumen sollte mehrere Millionen Euro betragen, so dass sich der Geschäftsinhaber einen Finanzier suchte, um das Vorhaben zu realisieren. Schnell wurde er fündig und Umsetzung dieser ehrgeizigen Ziele wurden in Angriff genommen. Und wie es so üblich ist, wurden im Laufe der Baumaßnahmen Änderungen durchgeführt, die zu Verteuerungen des Gesamtvorhabens führte. Selbstverständlich gab es Verträge und Vereinbarungen, die sowohl die Eigentumsrechte als auch die Rolle des Finanziers klar regelten. Der Fitness-Studio-Besitzer ("Gastgeber") machte dann einen Fehler und investierte einen Teil des Finanzierungsvolumens für sein eigenes Wohnhaus, was dem Finanzier ("Gast") die Möglichkeit gab, die Vereinbarung zu kündigen und das investierte Geld zurück zu fordern. Die Situation war klar und der Gastgeber in eine passive, ausweglose Situation und in der Folge aus dem Geschäft gedrängt. Mit einer Abfindung, die in keiner Weise dem zu erwartenden Geschäftserfolg entsprach, musste der Gastgeber dem Gast das Terrain überlassen, das dieser mit eigenen Leuten besetzte.

 

So tauschte der Gast die Rolle mit dem Gastgeber

 

Das Strategem 30 sieht vor, den Rollentausch in mehreren Schritten zu vollziehen. Zunächst ist es erforderlich, sich überhaupt in die Rolle des Gastes zu bringen. Folgend ist es seine Absicht, das Terrain zu erkunden und "die Tür" für weitere Aktivitäten einen Spalt aufzustoßen. "Terrain erkunden" bedeutet in diesem Fall, die Achillesferse des Gastgebers ("Feind") ausfindig zu machen. Mit der dritten Stufe wird "der Fuß in den Türspalt" gesetzt, seine eigene Position zu festigen und den Schwachpunkt des Gegners ausfindig zu machen. Diese können Gier oder die Aussicht auf schnellen Gewinn sein. Nachdem die Motivation des Gastgebers erkundet wurde erschleicht sich der Gast auf dieser Basis im vierten Schritt das Vertrauen des Gegners, um dessen Entscheidungen nach eigenen Interessen zu beeinflussen. Im letzten Schritt übernimmt der "Gast" den Schlüssel des Hauses, um selbst "Gastgeber" zu werden.

Die Gefahr des Tauschs von "Gast" in "Gastgeber" ist unter anderem immer dann gegeben, wenn man externe Partner in sein eigenes Unternehmen aufnimmt, um sich dessen Kräfte zu sichern. Sie können Segen sein, sich aber auch als genau das Gegenteil erweisen, wenn man ihn zu stark werden lässt.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich das nur zu genau: Als ich mein erstes Unternehmen gründete, war ich noch Angestellter in einem Versicherungsunternehmen und somit nicht in der Situation, berufsbegleitend zu arbeiten. Ich suchte mir daher einen Partner, der so lange die Geschäftsleitung übernehmen sollte, bis das Unternehmen in der Lage sein würde, mich als Geschäftsführer zu ernähren. Als Gegenleistung sollte der Partner eine lebenslage, geldwerte Unternehmensbeteiligung erhalten. Wie es bei Geschäftsgründungen üblich ist, stellten sich im Laufe der Zeit Schwierigkeiten ein, vorzugsweise finanzieller Art. Zudem bewegte ich mich auf dem 1997 noch absolut jungen Internetzeitalter und wollte ein IT-Dienstleistungsunternehmen zur Blüte führen. Im Laufe der Monate wurden die Schwierigkeiten größer und der Partner forderte einen immer größer werdenden Teil des Unternehmenserfolgs als lebenslange Beteiligung ein, der anfangs auch stattgegeben wurde. Ab einem Punkt wurde es dann auch für mich uninteressant, die Idee des Unternehmens weiter zu führen. Ich beabsichtigte, den Partner in einem Status Quo festzufrieren, der eine Fortführung der Unternehmensidee ermöglichte, ihm aber gleichzeitig die Möglichkeit weiterer Forderungen verwehrte. Diese Situation nahm er nicht an, sondern setzte seinerseits selbst ein Ultimatum: Entweder 25.000 Euro zu zahlen oder die bis dahin erfolgten Programmierungen, also den gesamten Unternehmensgegenstand zu löschen. An diesen Folgen der Annahme dieser Forderung litt das Unternehmen noch viele Jahre und verwehrte Nachhaltig die positive Entwicklung.

Die historische Gegebenheit hinter dem 30. Strategem:

Ein Diebestrio war auf Raubzug und beschloss, in ein Haus eines reichen Kaufmanns einzubrechen und sein Silber und sein Gold zu stehlen. Während der Chef der Gang in das Haus eindrang, standen die beiden anderen auf dem Dach und zogen die in Beutel eingepackte Beute mit einem Seil nach oben. Nach dem dritten Gang war es den beiden auf dem Dach genug und sie wollten mit dem Diebesgut zu fliehen und den Dritten zurücklassen, damit sie nicht teilen mussten. Aus dem Haus erscholl die Stimme des Kumpanen: „Hey ihr da oben. Ich habe eine Holzkiste mit wertvollem Silber und Gold entdeckt. Wenn ihr die Kiste hochgeholt habt, werden wir weiter ziehen. Die beiden auf dem Dach sahen sich an und einschlossen sich, den großen Schatz nicht mit ihrem Partner teilen zu wollen. Sie hoben die Kiste auf das Dach und verschwanden von dort mit der gesamten Beute in die Nacht. Es dämmerte und die Sonne zog auf, als es den beiden Dieben so erschien, als ob sie jetzt genug Strecke gegangen seien und wollten sich einen Überblick darüber verschaffen, welche schweren Schätze sie da wohl in den Händen trugen. Immerhin war die Kiste verdammt schwer und auch die ersten drei Beutel mit dem Diebesgut hatte ein ordentliches Gewicht. Sie stellten die Kiste auf die Erde und wollten sie gerade öffnen, als Reiter nahten. Sie stoppten die beiden ungewöhnlichen Diebe und fragten sie nach ihrem Weg. Das hörte natürlich auch der Kopf der Gang, denn er war es, der sich in der Kiste befand und sie so schwer machte. „Hilfe, Hilfe!“ rief er aus der Kiste, „ich wurde beraubt und entführt. Bitte befreit mich hier aus dieser Kiste, denn ich bekomme keine Luft mehr.“ Die beiden anderen Diebe sahen sich ertappt und flohen in wilder Panik ins Gelände. Die Reiter indes öffneten die Kiste und der Gangsterboß erzählte die Geschichte so, als ob er der Hauseigentümer gewesen wäre, der überfallen, bestohlen und entführt worden sei.

 

Daraufhin wurde dem Gangsterboß das gesamte Diebesgut ausgehändigt und er zog reich vondannen.

 

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