32. Strategem

Das verlassene Castell - in leere Tore eintreten

Kategorie:           Illusions-Strategem, Irritations-Strategem, Leere-Strategem

 

Taktik:---
Sinnhaftigkeit: 

Den Gegner unter Vortäuschung falscher Tatsachen in die Irre locken

Strategemziel:

Die eigene Schwäche durch entwaffnende Ehrlichkeit so offenbaren, dass der Gegner sie für einen Bluff hält.

"Totale Überzeugungskraft bei absoluter Ahnungslosigkeit!" könnte man manchem Versicherungsvertreter attestieren, der einen Sachverhalt so klar und deutlich vorträgt, dass die Fakten überhaupt keinen Zweifel zulassen. Unterschreibt man dann, hat die mögliche Falle zugeschnappt und man ist im Versicherungsvertrag gefangen. Oftmals wird erst im Schadenfall deutlich, dass der besagte Vortrag nur den Anschein der Sicherheit für Fakten bot, wie sie anscheinend glaubwürdig vorgetragen wurden.

 

Dieses Strategem wird für die vier Formen der Illusion eingesetzt:

  1. Fülle zeigen, wo Leere vorhanden ist; also Stärke zeigen,
    wo Schwäche ist
  2. Leere zeigen, wo Stärke ist; also den Gegner in die Falle locken,
    weil er einen schwachen Gegner vermutet
  3. Fülle zeigen, um den Gegner zu veranlassen, an Leere zu glauben
  4. Leere zeigen, um den Gegner zu veranlassen, an Fülle zu glauben.

Angewendet wird dies Strategem immer dann, wenn man den Gegner über die eigene Stärke bzw. Schwäche im Unklaren lassen will, um ihn durch falsche Annahmen zu einem fehlerhaften Schritt zu bewegen.

 

Wenn man selbst schwach ist und wir unsere eigene Schwäche drastisch übertreiben, wird der Gegner stutzig und nimmt an, dass er es hier mit einer maßlosen Übertreibung als Mittel der Illusion zu tun hat. Weil er aber nicht weiß, woran er wirklich ist, wird er den Angriff im Zweifel abbrechen, um eigene Kräfte keinem Risiko auszusetzen und von einem weiteren Angriff absehen.

Im Allgemeinen wird diese besondere Zurschaustellung der eigenen Stärke / Schwäche den Gegner irritieren und ihn in den Glauben versetzen, dass eine Falle drohe. In diesem Fall ziehen wir den Gegner in unsere eigene Taktik hinein und lassen ihn selbst aktiv Akteur werden.

 

Dieses Strategem sollte nur im äußersten Notfall eingesetzt werden, weil ein hohes Risiko besteht, dass der Gegner die richtigen Schlußfolgerungen zieht, insbesondere, wenn er durch Spitzel im Unternehmen Kenntnisse von Ihren realen Verhältnissen besitzt.

Die historische Gegebenheit hinter dem 32. Strategem:

Während der Schlacht von Jie Ting erlitt die Armee von Shu um General Ma Su riesige Verluste und war nahe dabei, komplett aufgerieben zu werden. Die strategisch wichtige Stadt Jie Ting war bereits verloren musste aufgegeben werden. Um sich zu sammeln, neue Kräfte zu tanken und den Nachschub zu organisieren, zog sich die Armee zurück und hinterließ ein Kontingent von annähernd Fünftausend Kämpfern, die den geordneten Rückzug schützen sollten und deren Befehlshaber Jhu Ge Liang war. Während sich die Offiziere berieten, wie alles organisiert werden solle, platzte eine neue Hiobsbotschaft in die Besprechung: Der feindliche General Sih Ma Yi ritt mit rund 150.000 frischen Männern gegen das Militärlager, um die Armee von Shu nun endgültig vernichtend zu schlagen.

 

Jeder kann sich vorstellen, in welcher Furcht die Armee war, denn sie hatte nicht die geringste Chance gegen die 30-fache Überzahl. Doch Jhu Ge Liang, der Befehlshaber, behielt die Nerven und ordnete an, dass sämtliche Hinweise auf die Armee und die vorangegangene Schlacht entfernt werden sollten. Weder Fahnen, noch Schwerter oder Pferde durften gezeigt werden oder sich bemerkbar machen. Sämtliche vier Tore des Castells wurden geöffnet, so dass jedermann ungehindert hätte eintreten können. Zu jedem Tor wurden 20 Soldaten in Zivilkleidung geschickt, die zudem den Auftrag hatten, sich wie dumme Bauernlümmel zu benehmen. Kein einziger Soldat durfte reden oder sich anderweitig laut bemerkbar machen und Zuwiderhandlungen würden mit dem sofortigen Tod geahndet.

Anschließend bestieg er gemeinsam mit zwei Lakaien den einen Turm und begann, nachdem er einige Räucherkerzen angezündet hatte, seine Laute zu spielen.

 

 

Als der feindliche General nahe an das Castell herangekommen war und das Szenario vor ihm sah, wurde er misstrauisch. Einerseits lud das offene Castell zwar dazu ein, es sofort in Besitz zu nehmen, doch andererseits war der Befehlshaber Jhu Ge Liang als verschlagener und gewiefter Offizier bekannt, was den Gegner vermuten ließ, dass im Castell ein Hinterhalt lauerte. Alles war zu ruhig und zu friedlich, so dass dieser Umstand als Gefahr wahrgenommen wurde. Als der General Sih Ma Yi dann auch noch den lächelnd Laute spielenden Jhu Ge Liang sah, war ihm klar, dass ein Hinterhalt drohte und ließ seine Armee mit den 150.000 Mann kehrt machen und in die Kasernen zurückkehren.

 

General Sih Ma Yi sagte zu seinem Sohn, der als Offizier beteiligt und gegen den Rückzug war: " Jhi Ge Liang ist ein nachdenklicher und einfallsreicher Mann. Er würde niemals ein so großes Risiko eingehen, wenn er sich seiner Stärke nicht bewusst wäre. Im Castell muss ein Hinterhalt lauern, denn warum sonst sollte er seine Laute mit solcher Leichtigkeit und kühler Gelassenheit spielen?"

 

 

Hier verwirklichte sich eine kühne und höchst riskante Strategie der psychologischen Kriegsführung. Wenn Ihre Stärke im Verhältnis zum Gegner zu schwach ist, beenden Sie alle Vertragsverhandlungen und handeln so, als ob Sie das Ergebnis oder der Erfolg nicht interessieren würde. Diese Beiläufigkeit wird den Gegner irritieren und ihn glauben machen, dass Sie Etwas im Schilde führen. Durch diese Irritationen wird der Gegner zögerlich und zieht sich zurück oder Sie gewinnen Zeit.

 

 

 

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