35. Strategem

Die Kriegsschiffe des Feindes zusammenketten

Kategorie:          Verkettungs-Strategem, Verknüpfungs-Strategem

 

Taktik:---
Sinnhaftigkeit: 

Durch die Verknüpfung verschiedener Strategeme wird der Gegner kampfunfähig gemacht und vernichtend geschlagen.

 

Strategemziel:

Es sind nicht immer nur 36 Strategeme, die einzelne Listen darstellen, um einen Sieg zu erringen. Vielmehr bietet es sich in manchen Situationen an, verschiedene Listen miteinander zu verknüpfen. In ihrer Gesamtheit wiederum stellen sie gegen einen Gegner eine starke Waffe dar.

 

Komplexe Situationen erfordern komplexes Handeln. Je stärker ein Gegner oder Feind ist, um so größer die Herausforderung, diesen zu besiegen. Wenn man einen Angriff gestartet und sich für ein Strategem entschieden hat, muss es immer einen "Plan B" oder "Plan C" geben, sofern "Plan A" nicht greift oder scheitert. Das setzt auch voraus, dass man Verluste einkalkuliert und so flexibel ist, auf andere Strategeme ausweichen zu können. Für die erfolgreiche Anwendung dieses Strategems sind Wissen, Erfahrung, Können, Intuition, Gedächtnis, Kreativität und Wachsamkeit erforderlich. Nur im Zusammenspiel verschiedener Kräfte gelingt der Sieg. Allerdings setzt die Anwendung dieses Strategems Kenntnisse um die übrigen Strategeme voraus und es kann somit nie für sich alleine stehen. Ferner braucht man Erfahrung im Umgang mit Strategeme und muss ein wachsames Auge auf Details haben, mögen sie noch so unwichtig erscheinen. Eine falsche Person angegriffen oder eine falsche Information gestreut kann einen Kumul- oder Kolateralschaden ohnegleichen anrichten.

Wachsamkeit ist erforderlich, um sich mit ganzer Energie auf das erklärte Ziel zu stürzen. Dabei kann der "Gegner" auch man selbst sein, gegen den man kämpfen muss. Will man in seinem Leben etwas ändern, ist es nicht allein erforderlich, vielleicht den Job oder den Partner zu wechseln. Vielleicht sind es auch Ess-, Trink- oder Rauchgewohnheiten, über die man durch Änderung der Anwendung ein neues, schöneres Leben begehrt. In diesem Fall wendet man Strategeme gegen sich selbst in der Hoffnung, seinem Leben wieder mehr Sinn zu geben und die "Vernichtung des Feindes" darin besteht, durch Selbstüberlistung den gewünschten Erfolg oder Sieg zu erringen. In diesem Fall sind Strategeme sinnvolle Ergänzungen zu einem "Selbstverwirklichungs-Masterplan".

Die historische Gegebenheit hinter dem 35. Strategem:

Nachdem Cao Cao die beiden gegnerischen Admiräle hat köpfen lassen (in Strategem 33 beschrieben), gab sich General Zhou Yu öffentlich absolut überzeugt, dass seine eigene Streitmacht die von Cao Cao vernichtend schlagen wird, obwohl die eigenen Leute zahlenmäßig deutlich unterlegen waren. Für ihn war die Niederlage Cao Cao besiegelte Sache und er wollte den Vorstoß planen, als ihm einer seiner treuesten Admiräle mit Namen Huang Gai widersprach und stattdessen Rückzug und Kapitulation empfahl. Das erboste den General so sehr, dass der Admiral sofort geköpft werden sollte. Doch die anderen Offiziere waren von diesem Vorschlag entsetzt und fielen auf die Knie, um für das Leben des verdienten Admirals zu beten.

 

Erst nach langem Bitten und Betteln ließ sich General Zhou Yu erweichen, die Todesstrafe in 100 Peitschenhiebe zu verwandeln, den Admiral zu degradieren und ihn für den Rest seines kümmerlichen Lebens in einen Kerker zu sperren. Nach 50 Peitschenhieben waren das bloße Rückgrat und Rippen in einem Matschhaufen von Fleisch und Blut zu sehen und die Offiziere fielen erneut auf die Knie, um für das Leben des alten und verdienten Admirals zu flehen. Auch diesmal gab der General nach und befahl, den Admiral einen Tag lang dort in der Sonne liegen zu lassen. Einen Tag nun lag der Admiral, vor Schmerzen gekrümmt, in der Sonne und sein Leben schien fast ausgehaucht, als ihn seine treuen Gefolgsleute nach der abgelaufenen Zeit vom Platz des Auspeitschens in ein Krankenbett bringen konnten um ihn zu pflegen.

 

Nachdem der Admiral wieder ein wenig bei Sinnen war, rief er seinen getreuesten Gefährten zu sich, um ihn zu bitten, ein Schreiben an den gegnerischen General zu verfassen und dann persönlich zu übergeben. Darin bot er ihm seine Dienste an und wies dabei auf die erlittene Pein und die Unfähigkeit seines eigenen Generals hin, eine ausweglose Situation zu erkennen und dagegen etwas zu unternehmen. In der nun folgenden Seeschlacht würde er, Admiral Huang Gai, sein Wissen in die Dienste das Generals Cao Cao stellen und dessen Seestreitkräfte befehligen.

Cao Caos Spion Cai Jhong wurde daraufhin beauftragt, den Wahrheitsgehalt des Admirals zu prüfen und gelangte auf "wundersame Weise" in die Nähe des Admirals, der immer noch mehr tot als lebendig gekrümmt auf seinem Krankenbett lag. Der sonst sehr misstrauische Cao Cao war danach überzeugt, im Admiral einen wichtigen Verbündeten zu haben. Außerdem machte ihn die Verlegenheit nach dem unnötigen Tod seiner beiden vermeintlichen Verräter-Admiräle keine geeignete Führungskraft in den eigenen Reihen zu haben, die seine Flotte befehligen konnte.

 

Zwischen dem Admiral Huang Gai und Cao Cao wurde vereinbart, dass der Admiral am Tag der Schlacht in einem Boot zur Flotte Cao Caos überlaufen solle. Als äußeres Zeichen sollte es die alte Standarte mit dem grünen Drachen des Admirals tragen. Anschließend sollte der Admiral das Oberkommando der feindlichen Seestreitkräfte übernehmen.

 

Als erste Aktion gab der Admiral dem Cao Cao einige wichtige Informationen zur strategischen Kriegsführung auf See. Es waren eher Allgemeinplätze, wie man heute sagen würde, und eher geeignet, General Cao Cao zu beeindrucken, anstatt ihm wirkliche strategische Details zu verraten. Außerdem war die Vielzahl der Einzelinformationen zu viel, als dass sich ein einzelner Mensch sie sich hätte merken können, wenn man sie erstmalig hört.


Beiläufig erwähnte der Admiral, dass Schiffe besser im Wasser lägen und manövrierfähig seien, wenn man sie aneinander ketten und Planken darauf befestigen würde. Dann könnten sogar berittene Reiter schnell von einer zur anderen Seite wechseln und die Flotte wäre deutlich schlagkräftiger. Das leuchtete Cao Cao ein und er befahl, Ketten zu schmieden und die Schiffe miteinander zu verbinden.

Nachdem das geschehen war, ließ der Admiral die feindlichen Schiffe hintereinander in eine Schlachtformation aufstellen und einen bestimmten Kurs auf dem Fluß steuern. Es sollte sichergestellt werden, dass man auf diese Weise optimal auf den Angriff seines früheren Generals Zhou Yu reagieren konnte, der ihn so grausam verstümmelt hatte. Um die Befehle besser geben zu können, verlangte der Admiral ein kleineres Schiff, das durch handverlesene Offizieren befehligt wurde. Flußaufwärts näherten sich auch schon einige Schiffe der kleinen Streitmacht von General Zhou Yu. Cao Cao war voller Zuversicht, dass sich nun das Blatt zu seinen Gunsten wenden würde. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Die großen, schwerfälligen Schiffe von Cao Cao hatten für diesen Teil des Flusses zuviel Tiefgang und fuhren auf die dort vorhandenen Sandbänke, die nur der Admiral genau kannte. Die Schiffe, die hinter der Flotte von Cao Cao den Fluß hinab fuhren, waren keines weg mit Soldaten gespickte Kriegsschiffe, sondern größere flache Boote, die Öl und andere flüssige Stoffe enthielten, die man gegen die aneinander gekettete, gestrandete und festliegend Flotte von Cao Cao führte und in Brand setzte. Günstige Winde ließen die Feuer von einem Schiff auf das nächste übergehen und die komplette Flotte von Cao Cao brannte nieder und leitete endgültig seinen Niedergang ein.


Tatsächlich war die Verstümmelung des Admirals eine Absprache mit seinem General Zhou Yu, dem er immer treu ergeben war. Um diese Seeschlacht gewinnen zu können, musste dieses drakonische Mittel gewählt werden, um Cao Cao im Glauben zu lassen, dass der Admiral wirklich allen Grund hatte, den General Zhou Yu zu hassen und ihm alles Schlechte zu wünschen. Diese Absprache zwischen den beiden musste absolut geheim gehalten werden, um den Erfolg dieser Aktion nicht zu gefährden. Aus Loyalität setzte der Admiral nicht nur seine Gesundheit aufs Spiel, sondern sogar sein Leben war konkret in Gefahr, so drakonisch war die Vorgehensweise.

 

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