36. Strategem

Wenn alles scheitert: Rückzug und Flucht

Kategorie:             Weglauf-Strategem, Rückzug-Strategem

 

Taktik:---
Sinnhaftigkeit: 

Zeichnet sich eine absolut aussichtslose Lage ab und es besteht rechtzeitig die Chance dazu, dann ist Rückzug die beste Verteidigung.

 

Strategemziel:

Wie sagte Mao Zedong: "Wenn die Schlacht zu gewinnen ist, dann schlag sie. Andernfalls geh ihr aus dem Weg." Rückzug birgt immer die Möglichkeit, neu anzugreifen. Sei kein Held, sondern clever!

 

Wir im Westen lieben Hollywood-Filme, in denen der Held gewinnt. Er kriegt zwar meist "eins drauf", kommt aber immer wieder auf die Füße. Meistens zumindest. Der Held kämpft bis zum letzten Blutstropfen oder kapituliert, was meist in einer totalen Niederlage endet und in den verschiedensten Genres nicht vorgesehen ist, sieht man einmal von Historiendramen ab. Das gilt auch für Verhandlungen mit dem Feind und insofern handelt es sich hierbei zumindest um eine halbe Niederlage.

 

Am wenigsten kann ein Held punkten, wenn er sich durch Flucht einem heldenhaften Ende entzieht. Doch genau hier setzt das 36. Strategem an, auf Rückzug oder Flucht.

Mao Zedong wird mit dem Satz zitiert: "Wenn die Schlacht zu gewinnen ist, dann schlag sie. Andernfalls geh ihr aus dem Weg."

 

Den Gegner zu bekämpfen setzt eine gewisse Siegchance voraus. Ist diese von vorne herein nicht gegeben, sollte man sich zurückziehen und auf bessere Möglichkeiten warten. Damit verliert niemand sein Gesicht, sondern schont seine Kräfte und sammelt sie für einen nächsten, größeren Angriff. Den richtigen Zeitpunkt für eine Flucht zu erkennen, bedeutet auch ein gewisses Maß an taktischem Talent, das nicht jeder besitzt und darf nicht mit Kapitulation gleichgesetzt werden. In Wirklichkeit wird durch Flucht der Kampf lediglich unterbrochen und gibt dem Verlauf der Aktion eine neue Chance, siegreich zu enden. Rückzug und Flucht können auch einen Strategiewechsel einleiten und die Möglichkeit erhöhen, den Gesamtsieg davon zu tragen.

Die historische Gegebenheit hinter dem 36. Strategem:

Als Kaiser Wei Tai aus dem Staat Wu die Nachricht ereilte, dass der berühmte Song-General Tan Dao Ji seine Truppen nordwärts gegen sein Land führte, rief er seine beiden Generäle Shu Sun Jian und Gong Sun Sao Sheng zu sich. Er fragte sie, wie diese das Land verteidigen wollten, ohne es kampflos aufzugeben, wo doch die Truppen von Song zahlen- und kräftemäßig total überlegen seien.

 

Die Heere der beiden Generäle vereinigten sich und schlugen sich in der Schlacht von Li Cheng wacker gegen die Truppen General Tan Dao Ji's. Wegen der Überlegenheit der Song-Truppen zeichnete sich eine Niederlage ab und die Generäle überlegten, wie sie es geschickt zurückziehen könnten, ohne dass der Feind ihnen nachstellt. Ziel dieser Strategie war es, durch den Rückzug Zeit zu gewinnen, um die Kräfte neu zu bündeln. Während der Schlacht konnten einige Kriegsgefangene aus Song gemacht werden. Diese sprachen einheitlich von der Lebensmittelknappheit, unter der die die Song-Armee litt und die Kampfeskraft schwächte. Nur noch für drei Tage sollte es reichen und dann gab es für die Soldaten keine Nahrung mehr. Der feindliche General Tan Dao Ji hatte sogar schon beschlossen, sich zurückzuziehen, um sich mit neuen Lebensmitteln einzudecken und dann erneut anzugreifen.

 

Als der Wu-General Shu Sun Jian das hörte freute er sich und sah seine goldene Chance, die Song-Armee bei ihrem Rückzug zu schlagen. Er rechnete sich aus, dass Truppen bei einem Rückzug ohnehin geschwächt sind und man es sich in der Song-Armee wegen der Lebensmittelknappheit zudem nicht leisten konnte, sich in Kämpfe einzulassen und weitere Kraft zu verlieren. Das wusste selbstverständlich auch der Song-General Tan Dao Ji und griff zu einer Rückzugstaktik, die die nachstellende Armee davon abhielt, den Song-Truppen nachzustellen.

General Tan Dao Ji befahl seinen Soldaten, im Lager Abendessen zuzubereiten. Sie sollten Feuer anzünden und Reis kochen, sowie gut riechende Zutaten zu reichen. Überall duftete es nach leckerem Essen, was natürlich auch den Wu-Generälen nicht verborgen blieb und von Lügen ausgingen, die die Song-Gefangenen verbreitet hätten. Sie stoppten den geplanten Vormarsch und schickten Späher zum feindlichen Lager, um weitere Informationen zu erhalten. Da General Tan Dao Ji davon ausging, dass er ausgespäht werden würde, befahl er seinen Offizieren, lautstark die Säcke zu zählen, in die das Reis abgefüllt wurde. Es waren jeweils 200 Kilogramm-Säcke, die Stück für Stück gezählt wurden und man kam insgesamt auf über einhunderttausend Kilogramm. Außerdem sollten die Soldaten beim Befüllen der Säcke nicht so ordentlich sein und viel Reis auf dem Fußboden verteilen und darauf laufen. Mittlerweile hatte sich schon ein ansehlicher Berg an Reissäcken gebildet und die Späher meldeten dem General Shu Sun Jian, das Gesehene. Der General entschied daraufhin, keinen Angriff auf die rückziehenden Sung-Truppen vorzunehmen, sondern auf den nächsten Tag zu warten.

 

Am Folgetag saß Wu-General Shu Sun Jian in voller Rüstung auf seinem Pferd und wollte den Angriff einleiten. Doch aus dem Sung-Lager drangen Ohren betäubender Trommelwirbel zur Wu-Armee hinüber. Man sah General Tan Ji Dao lässig auf seinem Kampfwagen sitzen und sich auf die Schlacht vorzubereiten. Überall waren Song-Fahnen zu sehen, die in geordneter Kampfformation gegen die Wu-Armee marschierte. Als Sun Jian Shu das sah, glaubte er nicht mehr daran, dass die Sung-Truppen in irgend einer Weise geschwächt seien und ordnete den Rückzug seiner eigenen Truppen zehn Kilometer tiefer ins Binnenland. Auf diese Weise konnten die Truppen von Wei ohne Kräfte verzehrende Kämpfe den geordneten Rückzug vornehmen, ohne von den Wu-Truppen verfolgt zu werden.